Lars Eidinger „in Residence“ auf Schloß Corvey – Wege durch das Land

Vom 2. bis 4. August 2013 gastiert das ostwestfälisch-lippische Literatur- und Musikfestival Wege durch das Land auf Schloß Corvey.

Lars Eidinger (Foto: Gerald von Foris)
Lars Eidinger (Foto: Gerald von Foris)

Freitag, 2. August um 19.00 Uhr: Ein Abend mit Lars Eidinger und Gästen

George Kranz (Foto: Carsten Mohren)
George Kranz (Foto: Carsten Mohren)

Der Barocksaal verwandelt sich in eine Lounge mit Club-Atmosphäre. Lars Eidinger liest Sonette von Shakespeare und Gedichte von Thomas Barsch. George Kranz ist Schlagzeuger, Sänger, Komponist, Texter, Produzent, Schauspieler. Er arbeitet seit 1978 in der Musikszene. Seine Laufbahn begann als Schlagzeuger in der Band ‹Firma 33›, aus der ‹ZeitGeist› entstand. Bevor er 1984 mit dem Dance-Klassiker ‹Din Daa Daa› internationale Erfolge feierte, spielte er in Deutschland mit Ulla Meinecke und für das Grips-Theater, dem er bis heute treu geblieben ist. Seitdem schreibt er Theater- und Filmmusiken und arbeitete mit Third World, The Roots, den Ying Yang Twins, den Phenix Horns und vielen anderen.

Sarah Perl ist Gambistin. Nach ihrem Studium der Instrumentalmusik und zahlreichen Projekten veröffentlichte sie in diesem Jahr ihre erste Solo-CD ‹Réflexions Sérieuses› und spielt am Berliner Ensemble unter der Regie von Katharina Thalbach in Shakespeares ‹Was ihr wollt›. Ulrike Eidinger singt. Sie hat in den aufsehenerregenden Produktionen von Christoph Schlingensief ‹Der Zwischenstand der Dinge› am Maxim Gorki Theater Berlin und ‹Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir›, uraufgeführt bei der Ruhrtriennale 2008, die Hauptpartien gesungen, sie tritt in der Schaubühne Berlin auf und bei der Festgala der Musik ‹Helden der Oper›.

Samstag, 3. August um 11.30 Uhr: Im Spiel das Leben festhalten

Lars Eidinger im Gespräch mit Michael Eberth
‹Ich habe immer diese Sehnsucht nach dem großen Moment. Das Leben rauscht so vorbei, und man kann es nicht festhalten. Beim Theaterspielen ist das anders. Da bleibt die Zeit stehen, und der Moment wird unendlich.› Lars Eidinger ist ein vielseitiger Künstler, er spielt seit 1999 Theater an der Schaubühne Berlin, die mit ihren Produktionen zu Gastspielen weltweit eingeladen wird, aktuell sieht man ihn in vier Stücken jeweils in Hauptrollen. Parallel zu seiner Schauspielertätigkeit verfaßt er Musik zu Filmen und Theaterinszenierungen. 2008 debütierte er als Regisseur mit Friedrich Schillers ‹Die Räuber›, in dieser Spielzeit inszeniert er ‹Romeo und Julia›. Er steht am DJ-Pult und legt Platten in der Schaubühne und Berliner Clubs auf. Seit dem Kinofilm ‹Alle Anderen› von 2009 in der Regie von Maren Ade, der u. a. den Silbernen Bären gewann, reüssiert er auf der Leinwand.

Danach bis 17.00 Uhr Film-Retrospektive

Samstag, 3. August um 18.00 Uhr: Oh Maienrose!Süßes Kind! Ophelia!

Anna Prohaska (Foto: Harald Hoffmann)
Anna Prohaska (Foto: Harald Hoffmann)

‹Du solltest meines Hamlet Gattin sein› – Lars Eidinger ist mit Anna Prohaska und Eric Schneider in einer literarisch-musikalischen Soiree zu erleben. Das Motiv der Ophelia zieht sich durch die Musik und die Literatur. Seit Shakespeares Darstellung der Ophelia im ‹Hamlet› taucht die blumenumkränzte, aus Verzweiflung in den Wahnsinn und in den Tod getriebene Ophelia vor allem in der Dichtung des 19. Jahrhunderts auf. Ophelia versinnbildlicht den grausamen Zusammenhang von Schönheit und Vergänglichkeit. Diese Janusköpfigkeit ist es auch, die Anna Prohaska in ihrem Lieder-Programm interessiert. Da geht es um Ophelia, aber auch um Sehnsucht und Leiden an der Liebe, um Wollen und Nicht-Wollen, um die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. War die englisch- österreichische Sopranistin Anna Prohaska vor wenigen Jahren noch als Studentin der Hochschule für Musik Hanns Eisler zu erleben, ist sie nun auf dem besten Wege, ein internationaler Star zu werden. Seit 2006/07 ist sie festes Ensemblemitglied der Staatsoper Unter den Linden, wo sie u. a. Partien in Opern von Mozart, Verdi und Händel verkörperte. Gastspiele führten sie nach Innsbruck und Luzern, Cleveland und Tokio. Als Liedsängerin erhielt sie Einladungen auf renommierte internationale Podien wie z. B. die Bregenzer Festspiele, die Schubertiade Schwarzenberg oder die Londoner Wigmore Hall.

Sonntag, 4. August um 11.30 Uhr: Der Teufel Grünrock

Ein Soldat kehrt aus dem Krieg zurück, seine Brüder verweigern ihm Unterstützung. Da bietet ihm der Teufel einen Pakt an: er soll die Taschen immer voller Gold haben, wenn er den Mantel aus Bärenhaut niemals ablegt, sich nicht wäscht und weder Nägel noch Haare schneidet sowie kein Vaterunser betet. Dieses Faust-Motiv interessiert einen Schauspieler wie Lars Eidinger doppelt, ist es in diesem Märchen zudem gepaart mit der Vorstellung, wie das Äußere eine Figur bis zur Unkenntlichkeit verändert, aber nie das Innere ganz beherrschen kann. ‹Der Bärenhäuter› wurde von der Familie von Haxthausen ‹im Paderbörnschen› gesammelt, es nimmt auch das Bild des ‹Bersekers› von Grimmelshausen auf, das seinerseits auf Überlieferungen aus Tacitus’ Germania beruht.

Die Cellistin Anja Lechner wurde einem breiten Publikum als Gründungsmitglied des Rosamunde Quartetts bekannt, das zu den gefragtesten und innovativsten Streichquartetten in der internationalen Musikszene zählte. Das Spektrum ihrer musikalischen Arbeit reicht von regelmäßigen solistischen Auftritten mit Orchestern über Uraufführungen eigens für sie komponierter Werke bis hin zu Projekten im Grenzbereich der Kulturen, Genres und Stile. Eine Vielzahl verschiedener Kooperationen und Projekte spiegelt ihr Talent zu einfühlsamer Interpretation und Improvisation in unterschiedlichen Klangwelten wieder, ihr eigener, unverwechselbarer, warmer, klarer Ton bleibt dabei stets spürbar.

Schloß Corvey
Corvey am Hafen 1
37671 Höxter

„Das Alltägliche in den Rang des Schönen heben“. Auf Schloß Corvey beginnen die „Wege durch das Land“

Andrzej Stasiuk

Wer sich dem schnöden Irrtum hingibt, das heute Abend auf Schloß Corvey bei Höxter beginnende 13. Literatur & Musik fest in Ostwestfalen-Lippe „Wege durch das Land“ sei lediglich eine Feier von mehr oder minder prominenten Künst- lern auf 28 zugegebenermassen optisch wie historisch einmaligen Schauplätzen, wird schon mit der Eröffnungsrede des wichtigsten jüngeren Gegenwartsautors Polens, Andrejz Stasiuk, von einer Aktualität sondergleichen überrascht: „Diejenigen, die am dringendsten europäische Großzügigkeit erfahren müßten, werden sie als Letzte be- kommen. Offenbar muß etwas Nicht-Europa sein, damit etwas anderes Europa sein kann“.  Die künstlerische Leiterin des Festivals, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und ihr Team, deren Planungen naturgemäß weit zurückreichen, mussten ein Gespür dafür haben, was sich derzeit in Europa abspielt. Mit Schloß Corvey bei Höxter wählten sie einen Ort, der so oft in der Geschichte im Brennpunkt italienisch-französisch-polnisch-deutscher Ver- wirrungen, Verknotungen und Politik stand. „Heute sind es die Stimmen der Dichter, die das menschliche Maß im Miteinander der europäischen Völker einfordern“, sagt das Begleitheft zum Festival. Und die große alte Dame der deutschen Theater- und Film- schauspielkunst, die wundervolle Rosemarie Fendel, wird diesen Stimmen mit ihrer eigenen unverwechselbaren Stimme  und Gedichten einer polnischen Nobelpreisträgerin Gehör verschaffen. Wenn sich Dr. Brigitte Labs-Ehlert dann ein wenig zurücklehnt und der Bachschen Musik der „Akademie für alte Musik, Berlin“ lauscht, wird sie sicher daran denken: „…bis hierhin geschafft“. Ob sie in der ihr eigenen Bescheidenheit noch einmal Revue passieren läßt, als im April diesen Jahres die westfälisch-lippische Kulturkonferenz in der Ravensberger Spinnerei zu Bielefeld das Festival „Wege durch das Land“ als ein herausragendes Beispiel der geplanten „Kulturvision Westfalen-Lippe“ feierte?

Künsterische Leiterin von „Wege durch das Land“: Dr. Brigitte Labs-Ehlert Bild. Literaturbüro

Das Kino im ostwestfälisch-lippischen Kopf ist angeknipst. Der „Gang zu den Bildern im Kopf“ beginnt. Von nun an geht es Schlag auf Schlag. Morgen Schloß Vinsebeck, am Sonn- tag dann Schloß Detmold mit jener Schauspielerin, die erst kürzlich in einem ARD- Tatort eine Grimmepreis-verdächtige Rolle spielte: Corinna Harfouch. Am Donnerstag  Gut Böckel mit Hannelore Elsner und Dominique Horwitz. (Ausverkauft!)

Rhododendrenblüte im Park von Gut Böckel

„Die Briefe und Gedichte zwischen Rilke und Paula Modersohn-Becker liegen schon bereit“, hat Gutsherr Dr. Ernst Leffers aus dem romantischen Flecken bei Rödinghausen verlauten lassen. Man werde „den Spagat zwischen historischem Kuhstall und Rilke-Turm wie immer vorbildlich absolvieren“. Keine Frage. Schließlich wacht Kabakovs „Meet the Angel“ im Park mit den Rhododendrenfluten.

Karten und Informationen: www.wege-durch-das-land.de