Über das Ungelöste im Herzen

 

Und ich möchte dich,
so gut ich kann bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste
in deinem Herzen,
und zu verstehen.
Die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer fremden Sprache
geschrieben sind.
Forsche jetzt nicht nach Antworten,
die dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich darum,
alles zu leben.
Vielleicht lebst du dann
allmählich – ohne es zu merken –
eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria RILKE
(Briefe an einen jungen Dichter)

 

Foto: Franz-Josef Kohstall

Winter, Weihnachten und Wassergraben

Impressionen vom Ersten Advent auf Gut Böckel

Wenn weiße Nebelfelder auf warmes Kerzenlicht treffen, sich karge Bäume im Wassergraben spiegeln und zwischen alten Gemäuern Dudelsack-Melodien erklingen, dann wird auf Gut Böckel der Advent eingeläutet.

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Zum 17. Mal richtete das Kunst und Kultur Gut am letzten Novemberwochenende „Weihnachten im Stall“ – den etwas anderen Weihnachtsmarkt – aus. Anders ist allein die imposante Barockanlage aus dem 17. Jahrhundert. Umgeben von einem denkmalgeschützten Gutspark, großzügigen Stallungen und Scheunen sowie weitläufigen Feldern, bietet es die perfekte Kulisse für die vielen Verkaufsstände im Inneren der Gebäude und das abwechslungsreiche Rahmenprogramm. Höhepunkt hierbei: das große Feuerwerk mit Musik am ersten Markt-Abend.

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Noch stehen die Festtage nicht direkt vor der Tür und vom alljährlichen Geschenke-Shopping-Stress sind wir ein paar Wochen entfernt. Somit herrschte am Samstagnachmittag eine entspannte, vorweihnachtliche Stimmung zwischen Glühweinständen und Verkaufsflächen. Egal ob Kulinarisches, Kunst, Karten, Mode, Schmuck oder Blumengestecke – nur schauen oder auch kaufen: es dürfte für jeden Geschmack etwas dabei gewesen sein. Und wenn nicht, so schmeckte zumindest der erste Glühwein des Jahres in der gemütlichen Atmosphäre an diesem Ort besonders lecker. Vor allem bei dem Gedanken, dass es sich auch Rainer-Maria Rilke auf Gut Böckel schon hat gut gehen lassen.

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Das Gut befindet sich in Rödinghausen im Kreis Herford. Die Eintrittspreise  (http://www.gutboeckel.de/event/eventkalender/news/article/1-advent-2016/) für den Adventsmarkt sind nicht günstig, doch ein Besuch lohnt sich. Auch im nächsten Jahr wird die in romantisches Licht getauchte, malerische Kulisse sicherlich wieder viele Aussteller und Besucher aus ganz Deutschland anlocken und in den Bann ziehen.

http://www.gutboeckel.de

http://www.gutboeckel.de/entdecken/foto-impressionen/weihnachtsmarkt/

Text und Fotos: Jana Kremer

Sonntags in Olderdissen

Tiere gucken beruhigt den Geist. Was liegt da näher, als ein Besuch im Tierpark Olderdissen, auch Ollerdissen oder Olderdisney (dieser Name kam von meinen Kindern) genannt? Hier merkt man auch deutlich, dass Deutschland nicht ausstirbt, die Anzahl der Buggys und Bollerwagen mit niedlichem Inhalt übersteigt gefühlt die Anzahl der Bewohner des Tierparks. Und die waren recht gut drauf. Man meinte, ihre Gedanken lesen zu können:

SONY DSC „Es ist die Länge der Gesänge zu lang für meiner Ohren Länge.“ (W. Busch)

SONY DSC „Ja leckts mi doch…“

SONY DSC „Zehn Gänse saßen im Haferstroh, die warn so lustig, die warn so froh….“

SONY DSC „Grautier mit vier Buchstaben“

SONY DSC„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.“ (R. M. Rilke)

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„In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.“ (K. Tucholsky)

 

Tierpark Olderdissen
Hoberger Straße 149 a
33619 Bielefeld
24 Stunden geöffnet

Rilke über Einsamkeit

Darum liebe Deine Einsamkeit,
und trage den Schmerz,
den sie Dir verursacht,
mit schön klingender Klage.
Denn die Dir nahe sind,
sind fern, sagst Du,
und das zeigt,
dass es anfängt,
weit um Dich zu werden.
Und wenn Deine Nähe fern ist,
dann ist Deine Weite schon unter den Sternen und sehr groß;
freue Dich Deines Wachstums,
in das Du ja niemanden mitnehmen kannst,
und sei gut gegen die, welche zurückbleiben,
und sei sicher und ruhig vor ihnen
und quäle sie nicht mit Deinen Zweifeln
und erschrecke sie nicht mit Deiner Zuversicht oder Freude,
die sie nicht begreifen könnten.

Rainer Maria Rilke 1903 (Briefe)

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
(verbrachte 1917 ein paar Wochen auf Gut Böckel bei Rödinghausen)

 

Blaue Hortensie

Blaue Hortensie Living in OWL

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke

Verklärter Herbst

Es gibt unzählige Gedichte über den Herbst. Meist sind sie ein wenig melancholisch, aber dennoch oder gerade deswegen wunderschön. Wer kennt nicht den „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke? Living in OWL stellt in den nächsten Wochen einige der schönsten  Herbstgedichte vor.

Claudia Uhmeier Living in OWL

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl

Foto: Claudia Uhmeier

Du musst das Leben nicht verstehen….

Hannah Lescher Living in OWL

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Foto: Hannah Lescher

1913

Hütte Thomas Mann sie vor 100 Jahren zum Schauplatz auserkoren?
Hätte Thomas Mann sie vor 100 Jahren zum Schauplatz auserkoren?

Vor 100 Jahren, Ende Februar 1913, begann Thomas Mann die Niederschrift seines Jahrhundertromans „Der Zauberberg„. Jenen Roman einer Epoche, die taumelte. Die auf dem Vulkan „1. Weltkrieg“ tanzte. Nein, das hätte man natürlich nicht auf der Hünenburg über Bielefeld schreiben können. Obwohl es wohl Hans Castorps in der ostwestfälischen Stadt im Einschnitt des Teutoburger Waldes gegeben hätte. Obwohl schon 1917 jener Dichter Rainer Maria Rilke in der ostwestfälischen Provinz bei Hertha Koenig zu Gast war. Jenem Gut, das am 29. und 30. Juni Gastgeber der „Wege durch das Land“ sein – und eine Uraufführung erleben wird.

Irgendwann verduftet es

Nichts wird häufiger verschenkt
Nichts wird häufiger verschenkt

Der Duft

Wer bist du, Unbegreiflicher: du Geist,
wie weißt du mich von wo und wann zu finden,
der du das Innere (wie ein Erblinden)
so innig machst, daß es sich schließt und kreist.

Der Liebende, der eine an sich reißt,
hat sie nicht nah; nur du allein bist Nähe.
Wen hast du nicht durchtränkt als ob du jähe
die Farben seiner Augen seist.

Ach, wer Musik in einem Spiegel sähe,
der sähe dich und wüßte, wie du heißt.

Rainer Maria Rilke, 1875-1926

Rilke macht den Advents-Unterschied auf Gut Böckel

Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen?
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.

Rainer Maria Rilke.  Aus: Advent, 1898 

Wieder sehr gut besucht: Weihnachten auf Gut Böckel
Wieder sehr gut besucht: Weihnachten auf Gut Böckel

Was ist es, das Jahr für Jahr mehr Menschen in das idyllisch im Wiehengebirge-Örtchen Rödinghausen und das Gut Böckel zieht? Klar.  „Weihnachten im Stall“ ist unter den Advents- und Weihnachtsmärkten in Ostwestfalen-Lippe schon ein anderes Ereignis. Fernab der Glühwein- und Eierpunsch trinkenden Massen. Obwohl es in der Senke Rödinghausens auch diesmal wieder heftig voll ist. Vielleicht ist es jener Rilke-Geist, der untrennbar mit dem Gut der Familie Leffers verbunden ist?

Weihnachten im Stall auf Gut Böckel
Weihnachten im Stall auf Gut Böckel

Natürlich sind die weit über 100 Anbieter mit ihren teils sehr außergewöhnlichen Angeboten ein Magnet. Beeindruckt die einmalige historische Kulisse. Überzeugt die Gastronomie. Schwebt die Geschichte um Rilke-Turm und weitläufiges Anwesen mit dem wundervollen Park und den Greften.

Abmarsch von Gut Böckel mit Mistelzweig
Abmarsch von Gut Böckel mit Mistelzweig

Jedenfalls haben wir niemand gesehen, der nicht mit einem Mistelzweig, einem Tütchen oder mehreren den Weg nachhause antrat. Stellen Sie sich diese Vertonung eines Rilkeschen Adventsgedichtes einmal auf Gut Böckel vor:

Am morgigen Sonntag gibt es von 11 bis 18 Uhr nochmals Gelegenheit zum Besuch.

Leben

Der Dichter Rainer Maria Rilke verbrachte 1917 in dem heute so berühmten „Rilke – Turm“ auf Gut Böckel bei Rödinghausen ein paar Wochen auf Einladung der Gutsherrin Hertha Koenig.

 

FAZ: „Die sicher ungewöhnlichsten Festspiele im Land“: Wege durch das Land auf Gut Böckel

Intendantin Dr. Brigitte Labs-Ehlert mit Hannelore Elsner

Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,
die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,
so haben sie ein Recht, in unserm Blick
sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.

Rainer Maria Rilke.
Paris 1908
„Requiem für Paula Modersohn-Becker“.

Hannelore Elsner bei „Wege durch das Land“ auf Gut Böckel

„Man nehme….“ ist der Werbespruch und das Geheimnis eines großen Nahrungsmittelkonzerns der Region Ostwestfalen-Lippe. Ungefähr so alt wie der Dichter Rainer Maria Rilke heute wäre, wäre er denn noch. Gestern Abend jedenfalls lebte der Verfasser der „Duineser Elegien“ auf („Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“. Die fünfte Elegie ist Rilkes westfälischer Freundin Herta Koenig, der Gutsherrin auf Gut Böckel gewidmet), als die großartige Hannelore Elsner aus dem Briefwechsel Rilkes mit der so früh verstorbenen Malerin Paula Modersohn-Becker vor ausverkauftem Kuhstall las. Die Linde draussen im Park, unter der der Dichter 1917 bei seinem spätsommerlichen Besuch auf Böckel bei Rödinghausen so gerne saß, Herta Koenig vorlas und tiefe Gespräche führte, rauschte leise, als die Intendantin und Mitschöpferin des Kultur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ (Frankfurter Allgemeine am 28. April: „Hoch lebe die Provinz!“: „Kennen Sie?  Nein? Eine Bildungslücke ist das nicht. Aber verpasst haben Sie etwas…..Schauplätze der vielleicht eigensinnigsten, sicher ungewöhnlichsten Festspiele im Land“) Dr. Brigitte Labs-Ehlert die immer noch attraktive und mädchenhaft zarte Hannelore Elsner begrüsste und eine Einführung in den zauberhaften Abend gab. Die von Film und Fernsehen bekannte Schauspielerin zog mit ihrer facettenreichen Stimme – trotz einer anfangs entschuldigend zugegebenen „leichten Indisposition der Stimme durch Heuschnupfen“ – alle in den Bann. Zeitweilig hätte man ob dieser Stimme eine Daunenfeder fallen hören, als sie aus den alten Briefen rezitierte. Das, genau das, ist der Zauber und Erfolg des Festivals „Wege durch das Land“:  Alte Texte, gelesen von bekannten Schauspielern, in Kontrast gesetzt zu heutigen Texten und Musik an Orten, die OWL nahezu einzigartig machen. Dr. Ernst Leffers, heutiger Gutsherr, der Gut Böckel wieder zu dem gemacht hat, was es einmal war: „Das ist schön. Heute sind auch wir Gast und stellen gerne eine schöne Kulisse mit historischem Hintergrund“. In der Tat. Ein wenig britisches  „Glyndebourne“ umwehte Gutsgebäude und Park, als die Pause rief:

Pausenpicknick im Park 1
Picknick auf der Gutstreppe 2
Pcknick an einer Gräfte
Rilkes Spuren auf Gut Böckel folgen

Bevor wir in den zweiten Teil – eine Art Kontrastprogramm mit dem schelmischen Dominique Horwitz, dem Trio di Clarone, Michael Riesler und Jean-Louis Matinier – schreiten, noch ein Hinweis auf die 2011 bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Autobiographie „Im Überschwang“ von Hannelore Elsner, die sie in der Pause signierte:

„Und ich bin nicht routiniert. Wenn ich routiniert wäre, dann wäre ich tot“

Szenenwechsel im Kuhstall. Schelmisch, lockend-ausdrucksstark und manchmal einfach schrill-laut (aufwühlend?) dann nach der Pause Schauspieler Dominique Horwitz mit berühmten Gedichten von Rilke und musikalischer Begleitung durch das Trio di Clarone (Sabine Meyer, Wolfgang Meyer, Reiner Wehle), Michael Riessler und Jean-Louis Matinier. Im Januar 2012 debütierte Dominique Horwitz als Opernregisseur am Theater Erfurt mit Webers „Freischütz“.  Auch auf Böckel gelang der Auftritt rundum. Hier der Moment vor dem Einstieg:

Kurz vor dem Auftritt: Horwitz mit zwei Dritteln des Trio Clarone

Klarinette, Baßklarinette, Akkordeon. Die Instrumente sind so außergewöhnlich für die Musik von Satie, Bach, Pergolesi, Messiaen, Domenico wie klanglich anders als gewohnt gehört. „Die andere Seite der Luft“ heisst diese für das Klassik-geschulte Gehör ungewöhnliche Gesamtkomposition (Ja, sagt man so?) von Stefan Drees.  Nicht süßlich-mozartisch sondern durchaus auch einmal kontrapunktiv zu den Rilke-Gedichten, die sich durch  Dominique Horwitz´sehr wandlungsfähige Stimme so ganz anders anhören als im Deutschunterricht der damaligen Oberprima.

Von links: Trio di Clarone, Horwitz,Riesler, Martinier

Schließen Sie nun die Augen. Stellen Sie sich drei Klarinetten vor, eine Baßklarinette und ein leise zirpsendes Akkordeon. Dazu die Stimmung im Jardin des Plantes in Paris 1907. Dominique Horwitz rezitiert Rilke:

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Grandiose Soli: Sabine Meyer (Klarinette), D. Horwitz

Es war die vierte Station von „Wege durch das Land“. Annika Bochnig vom Detmolder Literaturbüro, zu diesem hervorragend organisierten Event befragt, lächelte: „Wir waren sehr zufrieden mit den drei Eröffungsveranstaltungen auf den Schlössern Corvey, Vinsebeck und Detmold und werden das wohl im nächsten Jahr wieder so machen“.  Das, was wir jetzt hier so einfach schreiben, wird wohl auch für 2013 das Startsignal zum Ausverkauf der Veranstaltungen gewesen sein. Zu sehr faszinieren die Schauplätze und die Künstler, die Rosemarie Fendels, Corinna Harfouchs, Fritzi Haberlandts, Ulla Hahns, Eva Mattes und die anderen großen Namen aus Schauspiel und Musik. Am 27. Mai freuen wir uns auf Gut Geissel und Matthias Brandt. Die Stationen dazwischen werden wir ankündigen. Aber: Die Wartelisten auf Karten sind lang.

Unterstützt wurde die Veranstaltung auf Gut Böckel übrigens von Hettich International, Kirchlengern.

„Das Alltägliche in den Rang des Schönen heben“. Auf Schloß Corvey beginnen die „Wege durch das Land“

Andrzej Stasiuk

Wer sich dem schnöden Irrtum hingibt, das heute Abend auf Schloß Corvey bei Höxter beginnende 13. Literatur & Musik fest in Ostwestfalen-Lippe „Wege durch das Land“ sei lediglich eine Feier von mehr oder minder prominenten Künst- lern auf 28 zugegebenermassen optisch wie historisch einmaligen Schauplätzen, wird schon mit der Eröffnungsrede des wichtigsten jüngeren Gegenwartsautors Polens, Andrejz Stasiuk, von einer Aktualität sondergleichen überrascht: „Diejenigen, die am dringendsten europäische Großzügigkeit erfahren müßten, werden sie als Letzte be- kommen. Offenbar muß etwas Nicht-Europa sein, damit etwas anderes Europa sein kann“.  Die künstlerische Leiterin des Festivals, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und ihr Team, deren Planungen naturgemäß weit zurückreichen, mussten ein Gespür dafür haben, was sich derzeit in Europa abspielt. Mit Schloß Corvey bei Höxter wählten sie einen Ort, der so oft in der Geschichte im Brennpunkt italienisch-französisch-polnisch-deutscher Ver- wirrungen, Verknotungen und Politik stand. „Heute sind es die Stimmen der Dichter, die das menschliche Maß im Miteinander der europäischen Völker einfordern“, sagt das Begleitheft zum Festival. Und die große alte Dame der deutschen Theater- und Film- schauspielkunst, die wundervolle Rosemarie Fendel, wird diesen Stimmen mit ihrer eigenen unverwechselbaren Stimme  und Gedichten einer polnischen Nobelpreisträgerin Gehör verschaffen. Wenn sich Dr. Brigitte Labs-Ehlert dann ein wenig zurücklehnt und der Bachschen Musik der „Akademie für alte Musik, Berlin“ lauscht, wird sie sicher daran denken: „…bis hierhin geschafft“. Ob sie in der ihr eigenen Bescheidenheit noch einmal Revue passieren läßt, als im April diesen Jahres die westfälisch-lippische Kulturkonferenz in der Ravensberger Spinnerei zu Bielefeld das Festival „Wege durch das Land“ als ein herausragendes Beispiel der geplanten „Kulturvision Westfalen-Lippe“ feierte?

Künsterische Leiterin von „Wege durch das Land“: Dr. Brigitte Labs-Ehlert Bild. Literaturbüro

Das Kino im ostwestfälisch-lippischen Kopf ist angeknipst. Der „Gang zu den Bildern im Kopf“ beginnt. Von nun an geht es Schlag auf Schlag. Morgen Schloß Vinsebeck, am Sonn- tag dann Schloß Detmold mit jener Schauspielerin, die erst kürzlich in einem ARD- Tatort eine Grimmepreis-verdächtige Rolle spielte: Corinna Harfouch. Am Donnerstag  Gut Böckel mit Hannelore Elsner und Dominique Horwitz. (Ausverkauft!)

Rhododendrenblüte im Park von Gut Böckel

„Die Briefe und Gedichte zwischen Rilke und Paula Modersohn-Becker liegen schon bereit“, hat Gutsherr Dr. Ernst Leffers aus dem romantischen Flecken bei Rödinghausen verlauten lassen. Man werde „den Spagat zwischen historischem Kuhstall und Rilke-Turm wie immer vorbildlich absolvieren“. Keine Frage. Schließlich wacht Kabakovs „Meet the Angel“ im Park mit den Rhododendrenfluten.

Karten und Informationen: www.wege-durch-das-land.de

„Ein Gang zu den Bildern im Kopf“

Aus: Rainer-Maria Rilke. "Die schönsten Gedichte" (Diogenes)

Rilke wird nur einer der berühmten Namen sein, dessen Gedichte und Texte es auf den „Wegen durch das Land“ zu hören geben wird (Gut Böckel, 17. Mai. Hannelore Elsner. Ausverkauft). Abgelegene Schauplätze und prominente Künstler der Jetztzeit. Mit einem dreitägigen Eröffungswochenende beginnt das 13. Literatur- und Musikfestival in Ostwestfalen-Lippe vom 11. – 13. Mai auf den Schlössern Corvey, Vinsebeck und Detmold. Lesungen und Konzerte mit Ulla Hahn, Marion Poschmann Adam Wiedemann, Rosemarie Fendel, Fritzi Haberland, Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Matthias Brandt, Dominik Horwitz, Heikko Deutschmann, Matthias Habich – um nur einige zu nennen – sind an historischen Literaturorten zu hören. Architektonische Kleinodien einer sich selbst allzu oft „Hintenan-in-aller-Bescheidenheit-stellenden“ und doch ziemlich grandiosen Region präsentieren sich in einem Ensemble aus Schlössern, Burgen, einsam gelegenen Kapellen in hügeliger Landschaft. Durchzogen von jahrhundertealten Alleen, Hohlwegen und englischen Parks.

Ob das Wetter mitspielen wird? Wir wissen es nicht. Aber Landpartien haben ja ohnehin ihren besonderen Reiz ob eben dieses Teils des ganzen Spiels.

366 Tage

2012. Ein Schaltjahr mit 366 Tagen

Ein gutes Neues Jahr wünscht „Living in OWL„. Es dauert 1 Tag länger. Was es bringen wird? Wir wissen es nicht. Lesen auch weder im Kaffeesatz noch gießen wir Blei und orakeln. Tendenzen sind in unseren Kreisen, den größeren Städten und den vielen kleinen Orten von Ostwestfalen-Lippe da. Wie sie ausgehen? Schauen wir mal. Rainer Maria Rilke formulierte sein Neujahrsgedicht so:

Wir
wollen
glauben
an
ein langes Jahr,
das uns gegeben ist,
neu,
unberührt, voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe,
Anspruch und Zumutung.
Wir wollen sehen,
dass wir’s nehmen lernen, ohne allzu viel fallen zu lassen
von dem
was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und
Großes von ihm verlangen.

Herbstanfang

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
(verbrachte 1917 ein paar Wochen auf Gut Böckel bei Rödinghausen)

Blaue Hortensie

Keine Laune der Natur: Blaue Hortensie

Das Thermometer zeigt an diesem herbstlichen Hochsommersonntagmorgen knapp über 15 Grad. Erwärmen wir uns zumindest innerlich an einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, von dem und seinem Bezug zu Ostwestfalen wir heute auch schreiben werden:

Blaue Hortensie 

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden,  die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; 
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden,  und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Wir nähern uns Rödinghausen

Getreideanbau bei Rödinghausen

Der ebenso scharfzüngige wie gnadenlose Beobachter Heinrich Heine hat einmal in seinem „Deutschland. Ein Wintermärchen“ über das Wesen der Westfalen geschrieben:

„Sentimentale Eichen, ohne Gleißen und Prahlen“

Zwar kam die scharfe Zunge wohl nicht in den Nordwesten Ostwestfalen-Lippes, wo Äcker sich mit kleinen Bewaldungen abwechseln und Wiehengebirge und Teutoburger Wald das Ravensberger Hügelland sanft begleiten. Aber Menschen dieses Teiles der Region entsprechen eigentlich nicht den gängigen Klischees: stur, starrköpfig, reserviert. Vielleicht können die, die so urteilen, aber auch nicht mit dem speziellen westfälischen Humor umgehen:

trocken, introvertiert, unkompliziert und alles andere als einfältig.

Wir kommen Rödinghausen, dem kleinen Kurort am Fuße des Wiehengebirges, immer näher und sind jetzt im Ortsteil Bieren, den die evangelische Kirche – 1908 auf den Grundmauern einer Kapelle aus dem 13. Jahrhundert errichtet – beherrscht. Direkt daneben findet sich die über 350 Jahre alte „Kirchlinde“ mit einem beachtlichen Stammesumfang von 7,50 Metern.

Evangelische Kirche in Rödinghausen-Bieren
Die Kirchlinde in Bieren

Auf unserem Wege in die Rilkestraße Nr. 18 – wo wir einen „verzauberten Ort“, wie der Bielefelder Günther Butkus ihn  einmal in einem kleinen Buch aus dem Pendragon-Verlag nannte – machen wir einen kleinen Abstecher in den Hauptort Rödinghausen. Das schmucke Örtchen ist seit 1980 Luftkurort und bietet über 35.000 Erholungsuchenden neben zahlreichen Pensionen („Rödinghausen – Auf der Sonnenseite“) auch Sehenswürdigkeiten, Wander- und Radwege sowie einen schön angelegten Kurpark .

Alte Dorfstraße: Bauernhofcafé und Obsthof "Am alten Wrangel"

Was wir in der Rilkestraße erlebten und welch wunderbare Eindrücke und Geschichten wir vom barocken Gut Böckel, Hertha Koenig, Rainer Maria Rilke, und dem heutigen Besitzer und Gutsherren Dr. Ernst Leffers mitbringen konnten, erzählen wir ab morgen.

Außerdem: Wir wissen jetzt, wie es ist, seinem „Engel zu begegnen“.