Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung? (Folge 4)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 4

Niemand wird noch arbeiten! Wer soll das bezahlen?

Mit wachsendem Geld schwindet des Menschen Lust, tätig zu sein. Reiche Menschen sind entsetzlich faul, antriebslos, unmotiviert, verbringen ihre Tage auf dem heimischen Sofa und vertändeln ihre Zeit. Blödsinn? Nun, ich führe nur eines von den beiden Hauptargumenten gedanklich weiter, gegen die das BGE zu bestehen hat. Es lautet: Geben wir jedem Menschen ohne Bedingungen eine überschaubare Summe Geldes, so wird niemand mehr arbeiten. Nach dieser Logik arbeitet keiner mehr, der bereits mehr als genug zum Leben hat, ergo betreiben alle Reichen ausschließlich Müßiggang.

Die Realität indes sieht anders aus, auch sehr wohlhabende Leute arbeiten weiter, sehr häufig in nicht zu wenig ihrer täglichen Zeit. Aus welchen Antrieb tun sie das? Sind sie womöglich preußischer im Gemüt als der Plebs ohne hinreichend gedecktes Konto? Kaum haltbar, diese These. Falls aber doch, dann lasst uns einfach alle Bürger mit Finanzmitteln versorgen, wenn mit dem Geld automatisch Strebsamkeit und Fleiß entstehen. Sie merken, die Katze dieser Argumentation beißt sich in ihren dürren Schwanz. So mag es arg verwundern, weshalb sich diese pessimistische, beinahe schon misanthrope Sicht auf des Menschen Antriebskräfte noch immer so hartnäckig hält. Selten ist etwas wissenschaftlich so akribisch widerlegt worden wie die für notwendig gehaltene extrinische Aktivierungsmotivation durch Geld. Es ist unmöglich, all die Forschungsarbeiten, Studien, Analysen und Experimente in der Beschränktheit dieses Textraumes zu aufzuzählen, die das zementhart belegen. Vier seien dennoch exemplarisch hier herausgestellt:

  • Die Meta-Analyse des Teams von Tim Judge von 2013 zum Beispiel fasst die Ergebnisse aus 120 Jahren diesbezüglicher Forschung in 92 quantitativen Studien zusammen mit insgesamt beeindruckenden 115 Korrelationskoeffizienten.
  • Die berühmte Gallup-Studie untersuchte den Antrieb von nicht weniger als 1,4 Millionen Arbeitnehmern in 34 Ländern.
  • Die Studienauswertung von Edward Deci und seinen Kollegen umfasst 128 kontrollierte Experimente.
  • Doch auch die Agentur für Arbeit selbst untersuchte im eigenen Haus intensiv die Motivation ihrer Kundschaft, sprich den Erwerbslosen. Ergebnis: Erschreckende 27,55% ihrer Klientel sind Kinder, verblieben nachvollziehbarer Weise bei dieser Untersuchung unbewertet, weil Kinderarbeit nicht mehr Usus ist. 29,3% der Leistungsbezieher sind Aufstocker, die jeden Tag arbeiten gehen, jedoch davon nicht leben können, weshalb der Staat die fehlende Differenz ergänzt. Wäre diesen Menschen die Lohnzahlung die maßgebliche Antriebsquelle, sie blieben schlicht daheim, denn auf ihren Konto änderte sich dadurch nichts. Sie schuften trotzdem, ihre Gründe dafür können daher wohl kaum im Geld begründet sein. 36,2% der Arbeitsuchenden wird von Seiten des gestrengen Kostenträgers, der es wohl exakter einzuschätzen vermag als jeder andere, eine sehr hohe Motivation bescheinigt. Ein geringerer (keine fehlender!) Antrieb wird schmalen 5,7% attestiert, die Gründe dafür aber gleich mitgeliefert: Gesundheitliche Einschränkungen sowie mangelhafte Aus- und Bildung. Sage und schreibe schlanke 1,25% führt die Agentur für Arbeit letztlich unter dem Label „Verweigerer“. Um diese Minigruppe jedoch wurde ein mächtiger Apparat an Kontrolle, Druck und Sanktionierung errichtet. Schröders vollmundiges Programm „Fördern & Fordern“ hat nur diese 1,25% im Fokus.

Goliath rechnet David seine kleine Schleuder unerbittlich auf seine Bezüge an. Man fühlt sich an „Das Schloss“ von Franz Kafka erinnert, wonach eine Institution, hat sie eine bestimmte Größe erst einmal erreicht, ihr eigentliches Ziel aus den Augen verliert und nur noch dem eigenen Fortbestand sowie Ausdehnung dient. Von diesem Irrsinn soll weiter unten in diesem Text noch die Rede sein. All diese mannigfaltigen Forschungsergebnisse sind eindeutig wie auch durchgängig identisch: Extrinsische Motivation (z.B. hervorgerufen durch Geld oder Angst vor Sanktionierung) ist eine Chimäre, die auch durch stete Wiederholung nicht an Wahrheitsgehalt hinzugewinnt. Alles, was den Anhängern der These „Arbeitsleistung entspringt Geld allein“ angesichts dieser erdrückenden Fülle an belastbaren Fakten bleibt, ist ihr müd-bockiges „Glaub’ ich nicht.“.

Doch neben der Wissenschaft genügt ein Blick auf die alltägliche Wirklichkeit, um erkennen zu können, dass Arbeit und Aufgabenerledigung in erster Linie Sinnerfüllung ist, somit stärkste Quelle unseres Selbstwert- und Dazugehörigkeitsgefühles. 98% der Untersuchten geben folgende Parameter ihrer Motivation zur Arbeit an: Sinnstiftende Aufgaben, Arbeitsklima und -atmosphäre, Wertschätzung, Abwechslung, Transparenz und Eigenverantwortlich. Die Bezahlung ist für lediglich knapp 2% wesentlich. Überraschend, nicht wahr? Mir gegenüber urteilen sehr viele Menschen „Mit einem BGE würde niemand mehr arbeiten!“, worauf ich sie dann jedes Mal frage, was sie selbst denn damit tun würden. Die Antwort ist bislang nicht ein einziges Mal anders gewesen als „Ich würde weiter arbeiten.“. Interessant, wie diszipliniert Menschen sich selbst und wie abwertend, nämlich im Grunde faul, alle anderen einschätzen.

Eine Umfrage des MDR im Mai 2017 ergab, das 98% (!) weiter arbeiten würden, 73% selbstbestimmter leben wollen (Jobwechsel, Bildungsangebote, Selbstständigkeit), 72% würden sparen und 69% wünschen sich mehr Zeit für Familie. Gerade das letzte Ziel sollten wir unbedingt unterstützen, oder?

Wenn der Mensch nur dann Arbeit leistet, wenn man ihm ein Bündel Eurobanknoten wie die Möhre dem Esel vor Augen hält, so haben wir in der Konsequenz dessen 14,3 Millionen Deppen in diesem Land. Diese gewichtige Zahl an Menschen nämlich vollbringt ein Ehrenamt und hat wohl offenkundig noch gar nicht bemerkt, dass sie dafür nicht bezahlt werden. Diese Ehrenamtler, ohne die unser gesellschaftliches Leben kaum mehr funktionieren würde, leisten jährlich gut 4,6 Mrd. Arbeitsstunden mit keiner bis wenig Bezahlung (z.B. Übungsleiterpauschale), was addiert und umgerechnet 3,2 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen entspräche. Gäbe man ihnen für ihre wichtigen Aufgaben den gesetzl. Mindestlohn, so stünde der stolze Betrag von 40,7 Mrd. Euro zur Überweisung an. Wir deklarieren aber nur bezahlte, vertraglich verfestigte Arbeit als Arbeit, was alle Eltern bezüglich ihrer Erziehungsleistung sowie Angehörige von 1,86 Mio. Pflegebedürftigen, die von Verwandten daheim privat versorgt werden, schmerzhaft spüren.

Darin liegt einer unserer Denkfehler. Arbeit ist Arbeit, bemessen an ihrer Wichtigkeit und Ergebnis, losgelöst von der Frage einer ohnehin stetig weniger leistungsgerechten Entlohnung. Wie Götz Werner (Mehrfacher Milliardär und Inhaber der Drogeriemarktkette dm) so treffend bemerkte: „Menschliche Arbeit ist nicht mit Geld aufzuwiegen.“ Angesichts von Ehrenamt, Kindererziehung, Pflegeleistungen sowie dem Umstand, dass die tradierte Arbeitswelt, Stichworte Digitalisierung und Automatisierung, kaum Bestand in seiner heutigen, aus dem zurückliegenden Jahrhundert stammenden Form haben wird, sollten wir schleunigst eine umwälzend neue Definition des Begriffes Arbeit finden sowie eine Anerkennung seiner sich wandelnden Struktur.

Die Arbeitswelt ändert sich gerade rasant und so gewaltig wie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr. Dies zu ignorieren oder zu bagatellisieren oder tradierte Strukturen künstlich am Leben erhalten zu wollen, hielt noch nie eine Entwicklung auf und wird diese erst recht nicht stoppen. Genauso gut könnte man sich auch mit drei löchrigen Sandsäcken und einer brüchigen Schaufel einer Flutwelle entgegenstellen. Dass wir europaweit betrachtet in Deutschland noch immer arg schlechte Internetanbindungen haben, aber den Steinkohlebergbau tapfer subventionieren, scheint mir symptomatisch für die Verweigerung unserer Politik, Veränderungen zu akzeptieren. Retropie bleibt ihr zerfallendes Rezept, an das sie sich verbissen klammern.

Somit sind wir bei Gegenargument Nummer zwei: Wer soll das BGE bezahlen? – Der Staat wird ruckzuck pleite sein! Weil gefühltes Wissen uns selten weiterbringt, verwende ich gern solide Zahlen, Daten und Fakten. Legen wir als Arbeitsthese einmal folgende Annahmen zugrunde: 12 Millionen Minderjährige erhalten über ein BGE Anspruch auf jeweils 500 Euro pro Monat, 70 Millionen Erwachsene auf 1.000 Euro. Unter dem Strich stünde eine Jahressumme von 912 Mrd. Euro, ein respekteinflößender Betrag, ohne Frage. Der Denkfehler jedoch muss umgangen werden, dass es sich dabei um einen Auszahlbetrag handelt, denn im Rahmen einer negativen Einkommenssteuer wird es sich bei allen Steuerzahlern um einen Abrechnungsmodus handeln, der reale Auszahlbetrag wird nicht einmal ein Fünftel betragen (vgl. die nächste Folge dieser Reihe, Nummer 5, Erscheinung kommender Sonntag). 912 Mrd. Euro jedes Jahr, unmöglich, nicht wahr? Halten Sie sich fest, jetzt folgt eine echte Überraschung. Wissen Sie, was wir 2017 insgesamt an staatlichem Sozialleistungstransfer durchführen? 895 Mrd. Euro. Haben Sie das gewußt? Dies bedeutet, wir geben dieses Geld längst aus! Wir reden, abgesehen von einer Differenz von noch fehlenden 18 Mrd., lediglich von einer Umschichtung, einer durchgreifenden Vereinfachung, die sogar massiv Gelder einspart, wie der renommierte (leider vor einigen Wochen verstorbene) Helmut Pelzer in einer detailreichen Studie im Auftrag der Stadt Ulm bewies. Beinahe unzählige Behörden und Ämter prüfen, entscheiden, kontrollieren, verwalten, sanktionieren und korrespondieren werktäglich miteinander über den bunten Strauß von 154 (!) unterschiedlichen Sozialleistungen. Von ALG 1 und 2, über Kinder- und Wohngeld, bis Grundsicherung und BaFöG. Das kostet immens viel Zeit, Aufwand, produziert eine wahre Formularflut und kostet uns grotesk viel Geld. Pro Leistungsempfänger sind dies 1.069 Euro in 2015 gewesen, was einem Gesamtbudget von nicht weniger als 36 Mrd. Euro an Sozialverwaltungskosten entspricht! Im aktuellen Jahr dürfte das kaum weniger geworden sein.

Doch damit längst nicht genug. Rund eine Million Sanktionen wurden im vergangenen Jahr verhängt, was 198.886 einzeln zu prüfender Widersprüche nach sich zog sowie 202.800 Klagen. Die zuständigen Gerichte schwenken längst die weiße Fahne angesichts dieser Prozesswelle. Die Chancen stehen für die Betroffenen übrigens gar nicht schlecht, wenn ihr Verfahren endlich absolviert werden kann, denn 47,8% der Klagen sind erfolgreich zum Vorteil der Kläger. Den MitarbeiterInnen der Jobcenter für ihre fehlerhaften Bescheide jedoch den schwarzen Peter zuzuschieben hieße jedoch, die Falschen zu geißeln. Das System ist von Beginn an marode gewesen, die angeblichen Segnungen der HartzIV-Regelungen (vgl. Hartz, Peter / 2007 verurteilt wegen Spesenmissbrauchs, Prostituiertenabrechnung, Lustreisen) der abgefeierten Agenda 2010 versprechen, wenn man den politischen Vorhang beiseite zieht und die alltäglichen Konsequenzen dahinter betrachtet, was sie nie hielten. Der Kaiser hat gar keine Kleider an, wir sollten nicht länger auf den kleinen Jungen aus dem Märchen warten, der es unbekümmert endlich für uns alle stellvertretend so benennt. Doch auch die Kostenrechnung für Arbeit ist, neben ihrer zu hohen Besteuerung, zusätzlich enorm belastet, bedeuten doch von 100 Euro Gehalt satte 28 davon Personalzusatzkosten Richtung der Sozialversicherungen. Hier endlich durch ein BGE Entlastung zu schaffen, gäbe wichtige Impulse für den Arbeitsmarkt und machten es der Umsetzung des Mindestlohns für die Unternehmen erheblich leichter.

Wo gäbe es noch Gelder freizusetzen, um ein dringend notwendiges (vgl. etymologisch „die Not wenden“) Fangnetz für alle Bewohner dieses Landes einzuziehen? Da habe ich konkret einiges an Ideen als Vorschlag. Der Haushaltsüberschuss 2017 von 23,7 Mrd. Euro zum Beispiel, der sich nach Angaben des Bundesministeriums für Finanzen bis 2020 auf 55 Mrd. Euro jährlich steigern wird, wäre da schon ein erster Ansatz. 1.400 staatliche Betriebe häuften bislang 108 Mrd. (Steuer-)Euro Schulden an, wie erfreulich wäre hier ein Controlling, das diesen Namen zu recht trägt und diesen Unsinn stoppt.

Die avisierte Verdopplung des Rüstungsetats von derzeit 34 Mrd. Euro auf 70 Mrd. (!) im kommenden Jahr entbehrt jeglicher Grundlage, wir werden nicht angegriffen und die Erfolge unserer Auslandseinsätze sind nicht annähernd aussagekräftig genug für diese Budgetexplosion. Sollten sie tatsächlich humanitärer Intention sein, können wir zum Brunnenbohren und dem Bau von Schulen das Technische Hilfswerk entsenden, die blauen Fachkräfte können das besser. Durch die nicht konsequent genug stattfindende Eintreibung der Umsatzsteuer verloren wir im vergangenen Jahr 23,5 Mrd. Euro, hier könnte sich eine Verschiebung von Personal, das wir dank BGE im Sozialtransfersektor erübrigen können, rasch amortisieren. Weitere solcher Kräfte können sich in der Steuerfahndung bezahlt machen, auf ca. 100 Mrd. Euro verzichteten wir 2016 durch Steuerhinterziehung. Die Steuerausfälle von Cum/Cum- und Cum/Ex-Geschäften belaufen sich ersten Schätzungen zufolge auf 10,9 Mrd. Euro. Bereits jetzt haben wir hier genug Geld für ein 1,5-faches BGE beisammen, doch noch bin ich gar nicht fertig. Damit wir für 19 Euro nach Malle fliegen können, verzichtet der Staat auf über 7 Mrd. Euro Treibstoffsteuer bei Flugzeugen. Was für den normalen Auto- und Motorradfahrer gilt, findet keine Anwendung bei Airlines. 1,1 Mrd. Euro holen wir uns durch die überfällige Rückgängigmachung der albernen Mehrwertsteuerabsenkung für Hotelübernachtungen. Doch halten wir uns nicht länger mit Kleinbeträgen auf, stopfen wir jetzt die richtig großen Löcher! Die 500 größten Konzerne schufen sich Rücklagen von unfassbaren 1,8 Billionen Euro, was hauptsächlich dadurch möglich war, dass sie allein im EU-Raum Steuern von 620 Mrd. Euro im letzten Jahr dem Fiskus (halb)legal entzogen. Hier wird es allerhöchste Zeit, diese Umsatzgiganten (Amazon, Apple, Facebook, Google, Ikea, McDonalds, Starbucks etc.) endlich zu jenen Pflichten zu zwingen, die jeder Arbeitnehmer auch zu leisten hat (und zudem als Kunde diese Rückstellungen bezahlte)! Die Einführung einer Börsenumsatzsteuer auf kurzfristige Spekulationen von nur 0,5% (vgl. 19% allgemeine Mwst.) erbrächte im ersten Anlauf 250 Mrd. Euro. Eine Vermögenssteuer von 1,5% ab einer Million Vermögen (zur Verdeutlichung: 15.000 Euro von 1.000.000, also beileibe keine verarmende Enteignung) spülte 30 Mrd. in die Kassen. Die Kosten für arbeitsbedingte Psychoerkrankungen kosten die Krankenkassen 34 Mrd. Euro in diesem Jahr und die Arbeitgeber 71 Mrd. Hier könnte das BGE durch Umstrukturierung von Arbeit sicherlich eine Reduktion von mindestens einem Drittel erreichen, womit weitere 35 Mrd. Euro zur Verfügung stünden. Sie addieren noch fleißig mit? Hier aber will ich es zunächst gut sein lassen, obgleich noch etliche weitere sinnvolle wie üppige Quellen zur Verfügung stehen, Stichwort Pharmakonzerne zum Beispiel.

Fazit für die beiden Argumente gegen das BGE: Niemand wird noch arbeiten? – Umfassend gründlich widerlegt. Wer soll das bezahlen? – Fast ein Kinderspiel, wir bezahlen es längst.

Den Hebel von der ersten Industrialisierung auf die vierte umlegen: Nicht Geld für geleistete Arbeit, sondern Geld, um Arbeit (in all ihren Facetten) leisten zu können. Dieser Paradigmenwechsel ist die große Hürde in unser aller Köpfen beim Thema BGE, nicht die Motivation zu arbeiten und erst recht nicht die Machbar- oder Bezahlbarkeit. Was wir für die kommenden 15 Jahre schleunigst brauchen, ist eine kraftvolle Vision, keine Retropie, wie sie uns sämtliche Parteien in ihrem anästhetischen Wahlkampf glauben, verkaufen zu müssen. „Weiter so“ ist längst keine Option mehr. Das Denken von Gestern und das Ignorieren des Heute liefern keine belastbaren Antworten für morgen. Besser die Weichen stellen, bevor der Zug darüber rast und entgleist. Und das wird er. Wollen wir heute, hier und jetzt nicht einfach mal mutig etwas anders andenken? Bevor die Ereignisse uns zum hektischen Agieren mit der heißen Nadel zwingen, wir abermals den unerbittlichen Realitäten hinterarbeiten. Die Zeit hält nicht an und wartet auf uns, bis unser Denken soweit ist. Das Problem der absurden Ungleichverteilung, die klandestine Metamorphose unserer Demokratie zur Plutokratie (vgl. Lobbyismus), der Drift der Schichten sowie die Radikalisierung wachsender Bevölkerungsgruppen hierzulande, werden dramatischer. 2017 können wir eine beherzte Gegensteuerung, eine couragierte Korrektur, eine mutige Annahme der Zukunft einleiten. Oder wieder warten, bis wir zu handeln gezwungen werden, weil uns die Probleme die schwarz-rot-goldene Schlafzimmertür des Dornröschen-Palastes GroKo wuchtig eintreten.

Nächste Folge (5): Graue Theorie und keine Wirkung.

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung? (Folge 3)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 3

Das scheue Reh des Kapitals

In Folge 1 und Folge 2 dieser Reihe haben wir die pekuniäre Situation von Obdachlosen, Erwerbslosen, Niedriglöhnern und „normalen“ Arbeitnehmern durchleuchtet. Ihre Gruppe wächst, doch gibt es noch eine weitere Gruppe, die ebenfalls kräftig anwächst. Wir nehmen in diesem Kapitel das Kapital in den Fokus, betreten staunend dessen Habitat, das daran erkennbar ist, das es von der Sonne warm beschienen und von üppiger Vegetation umstanden ist. Doch diese Studie müssen wir enorm vorsichtig angehen, uns behutsam anschleichen, leise beobachten, denn hier leben die scheusten aller Tiere – Rehe. Diese Tiere werden als Metapher von Finanzexperten immer dann herangezogen, wenn es um Ansammlung von Vermögen geht. Paradoxerweise beziehen sie sich dabei ausgerechnet auf Karl Marx, welcher konstatierte „Das Kapital ist ein scheues Reh und flüchtig wie eine Gazelle“. Dies soll uns mahnen, dass wir große Vermögen durch unsere Aufmerksamkeit verschrecken und es darob flink über den nächsten Grenzzaun in die Zone eines Steuerparadieses (vgl. Juncker-Oase u.a.) entflieht und dort Schutz vor staatlicher Bedrängung sucht. Besonders panisch flüchtet es, wenn der Betrachter aus einem ministerialen Fenster des Finanzministeriums einen auch nur beiläufigen Blick auf das Reh riskiert. Was jedoch nicht geschieht, die Jalousien dort sind lang schon dicht heruntergelassen, die Umlenkrollen verrostet, die Gurte gerissen.

Doch beginnen wir vorn. Deutschland war in seiner Geschichte nie zuvor reicher, das wird von niemandem mehr ernsthaft bestritten. Außer, wenn Schulen und Kindergärten Geld für defekte Toiletten oder fehlende Ausstattung erbitten. Auch in diesem Jahr erleben wir wieder einen global rekordhaltigen Leistungsüberschuss der deutschen Wirtschaft, aktuell von 285 Mrd. Euro, was sehr weit vor den zweitplatzierten Chinesen liegt, denen wir fern vom Gipfel hinunter winken. Wieder einmal Weltmeister, höchst erfreulich, doch nichts wirklich Neues. Die Umsätze unserer heimischen Wirtschaft wuchsen zwischen 2006 und 2015 um 22,9%, die Gewinne sogar um 30,2%. Unser Haushaltsüberschuss für 2017 wird auf 23,7 Mrd. Euro taxiert. Doch nicht nur den großen Unternehmen und dem Staatshaushalt geht es prächtig, 10,9 Billionen Euro Privatvermögen haben die Deutschen angesammelt. Lassen Sie diese Summe in Ruhe auf sich wirken. Würde dieses Geld gleichmäßig auf alle Bundesbürger, von der Wiege bis ins Seniorenheim verteilt, hätte jeder von ihnen etwa 130.000 Euro zur Verfügung, damit Sie einen groben Eindruck gewinnen. In den ersten beiden Folgen dieser Reihe jedoch erfuhren Sie, das 50% sich gerade mal 2,5% dieses Gesamtvermögens unter sich teilen, 25% unserer Bevölkerung so gut wie gar nichts besitzt, 6,85 Millionen Bankkunden sogar überschuldet sind. Wo also ist er nun zu finden, dieser Reichtum? So groß die Schätze, so überschaubar die Kreise derer, welche sie horten und hegen.

Lediglich ein Promille der erwachsenen Bewohner unserer Republik (etwa 69.000) hält 17% des privaten Vermögens. 1,9 Millionen Vermögensmillionäre gibt innerhalb unserer Grenzen und knapp 18.000 Vermögensmillionäre. Der Unterschied muss erläutert werden, denn er ist wichtig. Die erste dieser beiden Gruppen hat mehr oder minder statisch eine Million Euro und mehr, zum Beispiel durch Erbe oder Gewinn. Die zweite Gruppe erhält ein jährlich wiederkehrendes Einkommen höher als eine Million Euro. Diese Gruppe ist seit 2003 um unglaubliche 83% angewachsen! Superreiche hingegen werden erst jene Besitzenden amtlicherseits genannt, welche über 30 Millionen Euro privat verwalten, von ihnen leben etwa 6.800 unter uns. 200 Menschen stehen sogar über 300 Millionen Euro zur Verfügung, 134 Reiche gelangten gar in die sagenumwobene Kaste der Milliardäre. An deren Spitze wiederum drei Deutsche, die mehr Privatvermögen als die Landeshaushalte von Niedersachsen und Rheinland-Pfalz addiert ihr eigen nennen. Ein Drittel aller Immobilien und Aktien hierzulande sind in der Hand von 1% der BürgerInnen. Vermögen und Vermögenswerte sind bei uns zwischen Flensburg und Oberstdorf derart grotesk verteilt, dass jede Sinnhaftigkeit ad absurdum geführt ist (vgl. realer Gini-Faktor 0,76). Bevor jetzt Hammer und Sichel reflexhaft vor Ihrem geistigen Auge erscheinen und eine panische Kopfstimme schrill „Umverteilung, Kommunismus!“ kreischt, sei Ihnen hoffentlich beruhigend vermittelt, dass es mir nicht im mindesten um eine Begrenzung von Vermögen geht. Damit wir uns klar verstehen, eine vollumfänglich gerechte Verteilung von Vermögen ist weder realistisch noch angestrebt. Es geht vielmehr um die sinnvolle Verteilung von Lasten und Chancen! Möge ein jeder so reich werden, wie er kann, ich gönne es allen von Herzen. Doch was wir erleben ist, was Berthold Brecht bereits 1934 so beschrieb: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“. Umverteilung ist schon als Begriff das jederzeit drohende Damoklesschwert, das an reißendem Faden über jeder Überlegung bezüglich Vermögen baumelt. Doch findet Umverteilung längst vor unser aller Augen statt, umfassend und sehr lang schon. Von unten nach oben.

Vergleichen wir zum Beispiel Einkommen aus Arbeit mit dem sogenannten leistungslosem Einkommen. Ihr Gehalt, so Sie denn einen Arbeitsplatz haben, wird aus dem Umsatz Ihres Arbeitgebers erwirtschaftet. Dieser Umsatz wird versteuert. Wenn Sie gegenüber Ihrem Finanzamt Steuerfreiheit verlangen, weil Ihr Lohn aus bereits versteuertem Geld stammt, werden Sie wenig mehr als ein gequältes Lächeln erhalten. Sie lachen auch? Genau diese krude Argumentation jedoch wird angebracht, wenn es um die Versteuerung von Erbsummen geht – ein Erbe stammt doch aus Einkommen, das versteuert wurde! Das trifft zu, doch war es der Erblasser, der es versteuerte, für den Erben ist es schlicht ein Einkommen, welches zu versteuern ist wie jedes andere Einkommen auch. Weshalb akzeptieren wir, dass Einkommen aus Arbeit mit bis zu 42% besteuert werden, Einkommen aus leistungslosem Einkommen jedoch faktisch fast gar nicht. Und ein Erbe ist ein leistungsloses Einkommen, der Erblasser arbeitete dafür, seine Erben kaum. Haben Sie einen reichen Verwandten, ist dies Glück für Sie, keine Leistung durch Sie. Niemand sucht sich seine Familie vorgeburtlich nach Bonität aus. Dennoch soll es ihnen nicht mißgönnt werden, ein jeder soll selig erben. Was schreibt der wirre Mann denn hier, mögen Sie jetzt empört ausrufen, es gibt sie doch, die Erbschaftssteuer! Stimmt, schauen wir sie uns näher an. In diesem Jahr wechselt die stolze Summe von 400 Mrd. Euro als Erbe die Eigentümer, was einen Anteil an der Wirtschaftsleistung von fast 13% entspricht. 50% der Bevölkerung erbt nichts, 30% erben über 100.000 Euro. Davon steuerpflichtig sind überhaupt nur 14%, was an vielen Ausnahmen und Freigrenzen liegt. Etliche sind sinnvoll, denn das bescheidene Häuschen der Oma oder das familiäre Unternehmen des Vaters soll erhalten bleiben, das verschont der Fiskus völlig zu recht. Doch 86% als Schonvermögen zu deklarieren erscheint (gerade angesichts der Besteuerung von Arbeit) nicht unbedingt als ausgewogen. Der durchschnittliche Steuersatz für Erbschaften beträgt aktuell ca. 14%. Rechnet man allein diese beiden Zahlen zusammen, ergibt sich eine staatliche Beteiligung an Erbvermögen von 3,08%. Magere 12,3 Mrd. Euro sind alles, was der Bundeshaushalt von den 400 Mrd. Euro sehen wird. Der Maximalsatz von 30% (vgl. 42% Einkommensteuer) gilt, innerhalb einer Familie in direkter Linie vererbt, erst ab einer Summe oberhalb von satten 26 Millionen Euro! Real jedoch zahlen Erben auf Erbschaften über 10 Millionen Euro gerade einmal 1%, für diese Volumina sind versierte Steuerberater auffindbar, die zielsicher Lücken im Erbsteuerdickicht finden und geschickt zu nutzen wissen.

Unser Gesellschaftsvertrag (vgl. Makroökonomisches Gleichgewicht, als Stabilitätsgesetz eherne Verpflichtung jeder Bundesregierung seit 1967 bis auf den heutigen Tag) verlangt unter anderem, dass jeder (!) zum Allgemeinwesen nach seinen finanziellen Kräften beitragen soll. Ist das heute so? Was haben wir in diesen 50 Jahren seitdem an Ausgewogenheit erreicht? Wie gleich sind sie verteilt, die Aufwendungen für unser nationales Gemeinwohl? Die einfache Antwort bedeutet nicht weniger als grundsätzliches Regierungsversagen seit Jahrzehnten, anders als so krass kann man es kaum bewerten. Was übrigens interessanterweise auch nicht wenige aus den Reihen jener so klar postulieren, die sehr reich sind.

Die äußerst zurückhaltende Besteuerung von großen Vermögen steht in krassem Gegensatz zur Besteuerung der unvermögenden Bevölkerung. Nachweis? Die beiden großen Aktivposten auf der Einnahmenseite des Bundes sind die Mehrwertsteuer (221 Mrd. Euro) sowie die Einkommenssteuer (70 Mrd.). Einkommen aus Arbeit bis 42.000 p.A. erbringen 48,3% des gesamten Aufkommens an Einkommenssteuer. Auf den Punkt gebracht: Das Sediment der Lohnskala hat allein fast die Hälfte des Einkommenssteuer aufzubringen. Gerecht geht anders. 1975 galt der Steuerhöchstsatz erst ab dem 6-fachen des Durchschnittseinkommens, bis 2016 ist er auf das 1,5-fache dessen abgesunken. Die Hand des Staates greift immer früher und tiefer in das abgewetzte Portemonnaie des abhängig Beschäftigten, dafür findet sie prallvolle Brieftaschen immer weniger. Nach dieser direkten Steuer aber ist noch nicht Schluss, es warten noch begierig die indirekten Steuern, allen voran die Mehrwertsteuer, zu entrichten bei jedem noch so kleinen Einkauf. Für Haushalte, die mit jedem Cent rechnen müssen, ist jede Erhöhung der indirekten Steuern eine sogleich schmerzhaft spürbare Mehrbelastung. Von 10% Mwst im Jahre 1968 liegen wir heute bei 19%. Wer nun glaubt, dass halt alle Preise eben steigen mit der Zeit, läßt außer acht, das Prozentzahlen einen proportionalen Anteil beziffern.

Was erbringen parallel die größeren Vermögen für das Gemeinwohl? Die Steuereinnahmen aus Erbschaftssteuer liegen wie beschrieben real bei etwas über 3%, die Kapitalertragssteuer ist bei 25% gedeckelt, die Vermögenssteuer wurde 1996 abgeschafft, eine Börsenumsatzsteuer gab es noch nie (Begründung? Es wird keine gegeben.), eine Luxussteuer lehnen wir vehement als Teufelswerk ab. Dabei greift diese in vielen anderen Ländern, welche die Vermögenssteuer aus guten Gründen erheben, erst recht spät – zum Beispiel bei Booten über zehn Metern Länge, für Autos mit über 250 PS oder Armbanduhren über 75.000 Euro auf dem Preisschild.

Fiskalisch zusammengefasst: Wir belasten Arbeit und entlasten Vermögen, das erste aber wird weniger (Industrielle Revolution 4.0 / Automatiserungsgrad), das zweite wächst dafür rasant (vgl. oben). Finden Sie den Systemfehler, es sollte nicht all zu komplex sein.

Ich schlage vor, das wir die Metapher vom scheuen Reh des Kapitals noch einmal aufgreifen, aber endlich zu Ende denken! Rehe sind schöne und scheue Tiere. Doch deshalb erlaubt man ihnen nicht, alle frischen Triebe von Gewächsen abzufressen. Damit die Vegetation auch zukünftig wachsen kann, werden nachwachsende, kleine Bäume durch Gitter geschützt. Nicht die Rehe eingezäunt. In den sogenannten Gated Communities (schwer bewachte Wohnsiedlungen für Vermögende), die sich sprunghaft vermehren, geschieht aber genau das – Wohlhabende schirmen sich ab vor den Habenichtsen. Ist das wirklich die Art von Gesellschaft, in der wir in Zukunft leben wollen? Fangen wir endlich an, die Balance in unserer Steuerung von Natur auch in der Belastung von BürgerInnen einzubringen. Schützen wir die finanziell dürren Zweige unseres Landes endlich durch ausgewogene Steuergesetzgebung sowie zum Beispiel durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wir brauchen schließlich Rehe und Gewächse, die Balance zwischen beiden muss in Einklang gebracht werden. Fragen Sie einen Förster.

 

Nächste Folge (4): Niemand wird noch arbeiten! Wer soll das bezahlen?

Und es geht doch!

Spannender Vortrag von Michael Krakow über das Bedingungslose Grundeinkommen.

„Nicht finanzierbar“
„Dann arbeitet ja keiner mehr“

Das sind die zwei Haupt-Vorurteile gegen das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Vorurteile, die der Detmolder Berater, Honorardozent und Autor Michael Krakow entkräften konnte. In seinem (trotz der vielen Zahlen) kurzweiligen Vortrag lenkte er den Blickwinkel weg von der Leistungspflicht hin zu den Chancen und vielfältigen Möglichkeiten für eine Zukunft ohne Existenzangst.

In livinginowl vertieft Michael Krakow diese Thematik in einer mehrteiligen Reihe. Die bisherigen Folgen sind unter den folgenden Links zu lesen:

Folge 1: Uns geht es doch gut

Folge 2: Wer fleißig ist, bekommt auch was

 

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 2)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 2

Wer fleißig ist, bekommt auch was – Über die Neidgesellschaft

Ein veritables Erbe, ein Sechser im Lotto oder ein Stuhl bei Günther Jauch. Das sind sie, die drei Möglichkeiten, heute ohne Vermögen an Vermögen zu kommen. Moment, denken Sie jetzt, alle drei hängen vom Zufall ab (reiche Verwandten, Losglück, Allgemeinbildung), was ist denn mit einem Arbeitsleben voller Fleiß und Engagement, Lernen und Ehrgeiz? Damit sind wir im Thema unserer heutigen Folge.

In der ersten Folge dieser Reihe zeigte ich Ihnen aktuelle Situation und Zahl von Obdachlosen, Erwerbslosen, Niedriglöhnern auf, hier nun beleuchten wir die Situation der ganz normalen Arbeitnehmer und -innen. Vielleicht gehören sie ja zu jener Gruppe, denen es der Bundeskanzlerin zufolge heute so gut wie nie geht. Anlass zu dieser Annahme gäbe es ja genug, denn seit 2006 sind die Umsätze der Unternehmen hierzulande um 22,9% gewachsen, die Gewinne gar um 30,2%, da wird auch doch das Niveau der Löhne und Gehälter gleichermaßen angewachsen sein! Leider nein.

Ich höre an dieser Stelle während des Schreibens den langjährig erprobten Chor vielstimmig ihren liebsten Song „Neidgesellschaft!“ intonieren. Doch sind wir das wirklich, nur eine Neidgesellschaft? Die Antwort darauf liefert uns eine interessante Untersuchung, welche seit Jahrzehnten beinahe klandestin nicht nur die Entwicklung von Löhnen und Gehältern auswertet, sondern zudem die viel spannendere Proportionsspanne.

Was bedeutet das? In den Sechzigern betrug das Verhältnis zwischen dem am niedrigsten bezahlten Job in Unternehmen und dem am höchsten entlohnten Arbeitsplatz 1:30. Das bedeutet, der Ranghöchste im Ledersessel erhielt etwa 30mal so viel wie jener, welcher zum Beispiel das Lager aufräumt und sauber hält. Dieses Verhältnis empfanden die Menschen damals als angemessen, gönnten dem Chef sein Salär, erkannten sein Risiko, seine Verantwortung, seine Arbeitszeit unumwunden an. Seine schwere Limousine auf Firmenparkplatz 1 neideten sie ihm nicht, denn sie selbst vertrauten zu recht auf die Verheißung, zwar selbst nicht in massiven Wohlstand zu gelangen, wohl aber bis zum Renteneintritt ein bescheidenes Häuschen durch Abzahlung ihr eigen zu nennen, samstäglich ein kompaktes Fahrzeug in der Einfahrt zu polieren sowie im Sommer die Italiener in deren Küstenstreifen zu besuchen. Deutschland befand sich im Lot.

Diese Proportion jedoch hat sich als Schere entwickelt, deren Spitzen grotesk weit auseinander liegen: Heute liegt diese Proportion bei 1:400! Selbst zwischen mittleren Angestellten und der obersten Führungsebene klafft das Verhältnis von 1:93. Neidgesellschaft? Sind die Arbeiter und Angestellten also in ihrer Leistung in wenigen Jahrzehnten derart extrem abgesunken, Vorstände in ihrem Wirken gleichzeitig rasant besser geworden? Der Anstieg der deutschen Produktivität von 24% seit 1996 spricht eine andere Sprache.

Diese permanente Neidunterstellung ist grober Unfug, eine abgenutzte Keule, um jeden Diskurs darüber pseudomoralisch zu zertrümmern, was jederart Leistung wert sein muss. Dieses Spiel ist durch mühlenhafte Wiederholung von so nachhaltiger Wirkung, dass nicht selten selbst ihre Verlierer es inzwischen für ein Naturgesetz halten. Erst, wenn balltretendes Personal für über 200 Millionen pro Trikotträger verschachert wird, kommen sie ins Grübeln, ob alles noch in der richtigen Spur läuft.

Nein, vielmehr als Neid erkennen wir die sehr realistische Wahrnehmung von nicht mehr gegebener Verhältnismäßigkeit. Die Friseurinnen, die Erzieherinnen, die Berufskraft- und Kurierfahrer, die Arzthelferinnen, die Verkäuferinnen, Call Center Mitarbeiter, die Krankenschwestern, die Pflegekräfte – alle faul, deshalb zu recht schmal bezahlt und nur von Neid durchdrungen? Schauen wir uns letztgenannte Gruppe exemplarisch genauer an. Im Bundesschnitt erhält eine Pflegekraft im Jahr 20.600,— Euro brutto. Nehmen wir beispielhaft an, sie ist 30 Jahre alt, bewohnt in NRW eine Wohnung von 60qm. Was ihr nach Abzug von Steuern und Miete letztlich netto bleibt, sind pro Tag 21,35 Euro. Davon bezahlt sie Nahrung, Kleidung, Versicherungen, GEZ, Urlaub, Bildung sowie eine überschaubare Freizeitgestaltung. Viel Kultur dürfte da nicht enthalten sein. Was glauben Sie, legt sie parallel für ihr Alter zurück? Eben, wovon? Den Traum vom Eigenheim sowie bescheidenem Wohlstand irgendwann (vgl. oben, Gesellschaftsvertrag 60er Jahre), hat sie wie ihre vielen KollegInnen der eigenen und anderer Branchen längst eingemottet. Sollte diese Altenpflegerin denn tatsächlich neidisch sein, dann wohl kaum zu unrecht. Ja, es ist wahr, auch ihr Nominallohn wurde wie sehr viele andere angehoben in den zurückliegenden Jahren, was aber nur die eine Seite der Medaille darstellt. Auf der anderen steht ihr Reallohn. Er sank hierzulande seit 1980 um 15%, die Kaufkraft der Normalarbeitnehmer erodiert schleichend. In unseren europäischen Nachbarländern stiegen parallel die Reallöhne. Dass Deutschland dafür einer der Exportweltmeister ist und die schwarze Null im Bundeshaushalt zum beinahe biblischen Mantra erhob, davon hat die Altenpflegerin in der Abendschlange der Supermarktkasse ebenso herzlich wenig wie die Person, welche vor ihr die Produkte über den Scanner peitscht.

Die Neuverschuldung des Bundes auf Null zu drücken, ist zweifelsohne richtig, doch sich das dafür nötige Geld von Krankenschwestern und LKW-Fahrern zu holen, kann kaum zielführend sein. Während zum Beispiel Umsätze aus Börsengeschäften noch immer steuerfrei verbleiben, wird bei Arbeitnehmern bereits ab 54.000 Jahreseinkommen (dem 1,5 fachen des deutschen Durchschnittseinkommens) mit dem Höchstsatz von 42% zugeschlagen. Wie Arbeit belastet und Vermögen sowie leistungsloses Einkommen geschont wird, soll jedoch die nächste Folge dieser Reihe ans Licht zerren.

Dass dieses Land dennoch finanziell auf die Konsumfreude seiner inflationär unwürdig bezahlten Arbeitnehmer bauen konnte, hat einen längst überdeutlichen Preis – ein Großteil der Deutschen lebt auf Pump. Enorm viele Haushalte sind verschuldet, jedes fünfte private Girokonto befindet sich im Schnitt mit 1.500 Euro im Dispositionskredit, also satt im Minus. Bis zu soliden 15,32% Überziehungszinsen schnüren die Schuldner auch perspektivisch verlässlich ein im Korsett ihrer Verschuldung. 6,85 Millionen Bundesbürger sind sogar überschuldet, der Abtrag ihrer Schulden darf als wenig wahrscheinlich betrachtet werden. Der durchschnittliche Grad ihrer Verschuldung hat die Marke von 36.000 Euro pro Kopf erklommen – wie oben als Beispiel benannte Altenpflegerin von einem solchen Gipfel wieder heruntersteigen soll, ist ungewiß. Durch noch höhere persönliche Arbeitsleistung wohl nicht. Ihr bleibt die 2013 geschaffene Privatinsolvenz, allein in den vergangenen Jahren mussten über 100.000 Bundesbürger deren steinigen Weg beschreiten.

Die gesamte private Schuldsumme liegt derzeit bei unglaublichen 246 Mrd. Euro, 11% davon halten Inkassobüros, die modernen Kriegsgewinnler. Die erforschten Hauptgründe für private Überschuldung liegen übrigens weit weniger im gern angenommenen Riesen-3D-Plasma-TV auf Raten, sondern erwiesenermaßen in Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Unfällen, Scheidungen, Suchtproblematiken, Tod des Partners sowie gescheiterten Selbstständigkeiten. Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass die Gruppe derer, welche am gesellschaftlichen Leben trotz gewissenhaft vollbrachter werktäglicher Arbeitsleistung teilhat, zügig schrumpft. Eine Aussicht auf Besserung verspricht ihr glaubhaft konkret kaum ein Konzept aus Berlin, der aktuelle Wahlkampf interessiert sich nicht sonderlich für sie.

Ein Leben unter dieser Trias an Dauerbelastung (viel Arbeit für wenig Nettoeinkommen, steigende Ausgaben, Schuldenlast) verbleibt nicht ohne Konsequenzen, welche dann auch für unsere gesamte Gesellschaft längst sichtbar sind bzw. sein sollten. Die Behandlungskosten für arbeitsbedingte psychische Belastungsstörungen ist seit 2002 auf schmerzhafte 34 Mrd. Euro im Jahr gestiegen. Die Tendenz für die nahe Zukunft zeigt steil in den Himmel, die professionellen Behandler können sich der Flut kaum noch entgegen stemmen, 21 Wochen vergehen heute bis zum ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient. Sehr lang wird unser Gesundheitssystem dies nicht mehr kompensieren, die Unternehmer dies nicht länger ignorieren können. Pro 100 Sozialversicherte schlagen jährlich 257 Ausfalltage zu Buche, was dadurch bereits 17% des Fernbleibens vom Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründe ausmacht. Die Arbeitgeber kosteten diese Ausfälle 71 Mrd. Euro im abgelaufenen Jahr.

Doch nicht nur überbordende Arbeitsbelastung macht krank, sondern auch das völlige Fehlen derselben. Denn auch die Erwerbslosigkeit zieht gesundheitliche Folgen nach sich, nach 10-12 Monaten als Kunde der Agentur für Arbeit entwickeln 43% seelische Problematiken aus, was Energie und Motivation zur Jobsuche erheblich torpediert. Struktur-Maßnahmen des Jobcenters wie der Bau von Vogelhäuschen, das Zerkleinern von Teppichresten oder das Rasieren von Pfirsichen (alles leider kein Scherz) sind hier nicht unbedingt die effizientesten Reha-Maßnahmen.

Der Anteil der sogenannten „Working Poor“ hat sich zwischen 2004 und 2014 auf annähernd 10% der arbeitenden Bevölkerung mehr als verdoppelt, die Gruppe der Einkommensmillionäre stieg seit 2003 um 83%.

Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an; Und der Arme sagte bleich „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“, so schrieb es Berthold Brecht 1934 in einem Gedicht. Ich wünschte mir, wir würden heute ungläubig zurückblicken auf jene Zeit und erleichtert aufatmen, weil dieses Verhältnis im Jahr 2017 beendet ist. Ist es nicht. Im Gegenteil, die Schere spreizt sich immer weiter und weiter, das Schneidwerkzeug einfach nach unten in die wohlfeile Neidschublade zu legen, läßt sie unsichtbar sein, jedoch nicht inexistent. Dort unten zerschneidet diese Schere allmählich das Band, welches unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Erben, Lottogewinner und Jauch-Gäste werden daran nichts ändern.

Nächste Folge (3): Das scheue Reh des Kapitals.

Wer Michael Krakow einmal live erleben möchte, dem sei sein Vortrag zu diesem Thema am 5. September 2017 in Detmold ans Herz gelegt.

Die Welt braucht Querdenker

„No, Sir. Die Amerikaner brauchen vielleicht das Telefon, wir aber nicht. Wir haben sehr viele Eilboten.“ (Sir William Preece, Chefingenieur der britischen Post, 1896 zu Graham Bell, als dieser ihm die praktische Verwendbarkeit des Telefons demonstriert hatte.)

„Wir sind 60 Jahre ohne Fernsehen ausgekommen und werden es weitere 60 Jahre tun.“ (Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, 1960)

„Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“ (Thomas Watson, Chef von IBM, 1943)

Ihr schmunzelt über die Besserwisserei der „Experten“ früherer Zeiten? Und wie sieht es bei Euch aus? Wo sagt Ihr heute „das geht nicht“, „das ist nicht finanzierbar“, „das braucht kein Mensch“….. etc.?

Wie erhebend dagegen klingt der Satz von Albert Einstein, der ja ein Zeitgenosse der oben zitierten Herren war:

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.

 

Und damit verweise ich auf einen querdenkerischen Vortrag von Michael Krakow, der sich unter dem Thema „Kein Geld für’s Nichtstun“ mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt.

Am 5. September 2017 um 19.00 Uhr im Son Vida, Detmold.

Foto: Clipdealer

Geld fürs Nichtstun, lohnt sich Leistung?

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 1

Uns geht es doch gut!

„Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut.“ Unter großem Beifall vieler Parlamentarier im hohen Haus postulierte im November des vergangenen Jahres Angela Merkel erkennbar selbstzufrieden die Lage der Nation ins Pultmikro. Mir drängte sich sogleich die Frage auf, wer eigentlich diese Menschen sind, die unsere Bundeskanzlerin da so generalisiert euphorisch bewertet. Entspringt ihre Euphorie womöglich Euphemismus? Denn dass unsere Nation heute global wie ein massiver Solitär für Erfolg, Stabilität und Reichtum wirkt, ist unbestritten. Doch wie sieht es im Innern aus? Zieht man den schwarz-rot-golden glitzernden Vorhang beiseite, schaut sich sämtliche Akteure aufmerksam an, die sich dahinter tummeln, erkennt man wie der kundige TÜV-Prüfer flott den Rost unterm Lack. Geht es allen Bewohnern wirklich so gut, wie es international und merkelisiert betrachtet den Anschein hat? Begleiten Sie mich auf einen kleinen gedanklichen Rundgang, besuchen wir die Bürgerinnen und Bürger dieses glücklichen Landes.

Beginnen wir im Keller, um im Bild zu verbleiben. Dort im Dämmerlicht erblicken wir weit über eine halbe Million Obdachlose. Zögen wir sie in einer Region zusammen, so bevölkerte diese Gruppe die Städte Bielefeld, Gütersloh und Paderborn allein ausfüllend. Schon diese Vorstellung ist auf ungute Weise beeindruckend. Zwei weitere Zahlen jedoch machen diesen Umstand gruselig. Allein in den letzten sieben Jahren ist die Zahl der Wohnungslosen um ein Drittel gestiegen, 34% Neuobdachlose seit 2010! Etwa 30.000 von ihnen sind Straßenkinder. Da stellt sich sogleich die Frage, was diesen sprunghaften Anstieg auslöste und was der Staat dagegen zu tun gedenkt. Das Abgleiten in ein Leben ohne Dach über dem Kopf aus einer bürgerlichen Existenz heraus ist heute so zügig, überraschend und ungebremst möglich wie nie zuvor. Die Tatsache, dass es so viele Kinder ohne Kinderzimmer gibt, ist schlicht beschämend für ein Land wie das unsrige, daran lässt sich nun gar nichts beschönigen. Doch tut dies ja auch niemand, es ist schlicht überhaupt kein Thema medialen Interesses.

Betrachten wir nun jene, die zwar über eine Wohnung verfügen, jedoch nicht über bezahlte Arbeit. Gute 800.000 Menschen hierzulande beziehen ALGI, das klassische Arbeitslosengeld. Viereinhalb Millionen weitere erhalten ALGII, das sogenannte HartzIV,

Dieses wird in des Volkes Ansicht fälschlicherweise automatisch mit Arbeitslosigkeit gleichgesetzt. Dies aber ist unzutreffend, denn fast ein Drittel der „Hartzer“ (auf die Verrohung von Sprache und deren Folgen komme ich in einer eigenen Folge zurück) sind Aufstocker, die zwar zumeist Vollzeit arbeiten, jedoch dafür so wenig Lohn erhalten, dass es zum Leben nicht reicht. Volle Leistung, aber nicht volles Geld. So springt der Staat ein und gleicht geschmeidig aus Steuermitteln aus, was Arbeitgeber einsparen. Insgesamt liegen die prekär Beschäftigten und Leiharbeiter gemeinsam bei inzwischen bei 2,6 Millionen Arbeitenden. Zwei Millionen Kinder unter 18 Jahren sind ebenfalls auf HartzIV angewiesen. Da in kaum einem anderen Land der OECD der Bildungsgrad von Kindern derart vom Vermögensstand der Eltern abhängt, können wir uns ohne viel Phantasie vorstellen, wie deren nahe Zukunft sich wohl ausgestaltet. Die Schicht rekrutiert sich selbst. Das hat sie übrigens mit der sehr reichen Schicht gemeinsam, doch dies beleuchten wir nicht heute, dafür bald.

Die Bundesagentur für Arbeit bejubelt die Zahl der Erwerbslosen bei 2,489 Millionen (Stand Mai 2017) und klopft sich auf die Schulter. Wer über viel Zeit verfügt (welche ich mir dafür nahm) und zudem Lust auf das Kleingedruckte der Nahles’schen Bulletins (welche sich bei mir während des Lesens zunehmend entwickelte), stößt auf einige, nicht gerade kleine Gruppen, welche kurioserweise gar nicht mitgezählt werden, obgleich auch sie ohne Erwerbseinkommen sind: Erwerbslose über 58 Jahre Lebensalter, welche mit Partner über 1.300,— Einkommen, Qualifizierungsteilnehmer, Kurzzeiterkrankte, Langzeiterkrankte, 50-Plus-Teilnehmer, Kurzarbeiter, 1-Euro-Jobber und etliche andere. Sie alle bilden die „Stille Reserve“, was tatsächlich ihre amtliche Kastenbenennung ist. Schade, dass für diese Reserve (für was auch immer sie Reserve sein soll) die öffentliche Wahrnehmung auch sehr still ist. Rechnet man die Reservisten zur ministeriell schalmeiten Zahl hinzu, ergeben sich plötzlich real etwa 3,7 Millionen Erwerbslose! Für solcherart Frisierungen würde jeder Gebrauchtwagenhändler ertappt auf die metallene Marke eines Uniformierten starren. Zudem sind es zwei Schönheitsfehler, deren Aufdeckung aus der vermeintlichen Erfolgsgeschichte Agenda 2010 einen Kaiser ohne Kleider machen: Der Vergleich der Erwerbslosenzahlen heute mit dem Einführungjahr 2005 ist irregulär. Zum einen wird hier ein Rezessionsjahr mit einem Boomjahr verglichen, zum anderen sind gerade im Osten eine sehr hohe Zahl von Erwerbslosen in die Rente gegangen. Bezieht man diese beiden Umstände mit in die dann bereinigte Berechnung, wie es seriös wäre, ist der Erfolg der Agenda 2010 marginal.

Merken Sie etwas? Gruppe folgt hier auf Gruppe, Zahl folgt auf Zahl, doch noch immer keine Menschen in Sicht, denen es so gut erginge wie nie zuvor. Ich muss Sie enttäuschen, leider bleibt dies in der ersten Folge dieser Essay-Reihe auch so.

Schlendern wir also neugierig zur nächsten gesellschaftlichen Gruppe. Ein Großteil der 4,1 Millionen Solo-Selbstständigen schuldet den deutschen Krankenkassen mittlerweile den unglaublichen Betrag von 6,1 Mrd. Euro. Grund ist ihr durchschnittliches monatliches Einkommen von 789 Euro, wovon ihnen im Schnitt für die Absicherung ihrer Gesundheit 37% abgefordert wird, weil nicht ihr tatsächliches Einkommen eine Rolle spielt, sondern ein theoretisch angenommenes, stramm realitätsfernes. Diese Problematik ist der Politik auch hinreichend bekannt. Dass diese Gruppe parallel für ihr Alter finanziell vorsorgt, ist schwer vorstellbar, ihr winkt die Altersarmut, was uns gleich zur nächsten Gruppe führt. Jene nämlich, welche ihr Arbeitsleben aus Altersgründen abgeschlossen hat und dennoch unter der Grundsicherungsmarke von 824 Euro täglich ihren Kampf ums Leben ausficht. Hier haben wir Senioren, deren Anzahl seriös auf gut eine Million beziffert werden kann. Sie haben geleistet, was ihnen jedoch jetzt im Alter kein menschenwürdiges Dasein einbringt. Allein dieses Problem ist schon jetzt turmhoch, gleichwohl erst in seinen Kinderschuhen: 2036 wird Berechnungen zufolge jeder dritte Rentner in dieser Grundsicherung landen! In Österreich übrigens liegt die durchschnittliche Rentenzahlung bei über 2.000 Euro. Ich bin gespannt, wann unsere Volksvertreter sich für den ungeheuer frechen Trick unserer Alpen-Nachbarn interessieren, alle Erwerbsbezieher solidarisch einzahlen zu lassen.

Ziehen wir einen Saldo-Strich unter all diese und hier aus Raumgründen nicht erwähnten Zahlen, konstatieren wir im Jahre 2017 den unglaublichen Anteil von rund 16 Millionen Menschen in diesem Lande, welche am gesellschaftlichen Leben lediglich rudimentär teilnehmen und auch wenig Perspektive erkennen, dass sich an ihrer zementenen Schichtzugehörigkeit etwas ändert. Darunter sind über zwei Millionen Kinder, 345.000 von ihnen stehen tagtäglich an den Tafeln an, um Mahlzeiten zu ergattern, derer sie sonst kaum habhaft werden. Wem das im Lande der grenzenlosen Bankenrettung keine Schande ist, hat kein Herz. Allen Kindern in Deutschland eine warme, mittägliche Schulmahlzeit kostenfrei zu offerieren, würde unseren Staat circa 900 Millionen Euro im Jahr kosten. Für die Reduktion der Mehrwertsteuer für Hotels lassen wir seit 2010 jährlich 1,1 Mrd. Euro springen (einen augenzwinkernd Mövenpick’schen Gruß an die Liberalen). Das Buffet mit mehreren Sternen ist eben nicht nur vom Nährwert hochwertiger als die Kost für Kids, sondern auch in haushaltspolitischer Priorisierung.

Die Frage an Frau Merkel muss erlaubt sein, welche Menschen sie meinte, denen es doch so gut wie nie geht. Ein Fünftel unserer Gesellschaft dürfte sich wohl nicht angesprochen fühlen. Was deren röchelnde Kaufkraft für unseren Binnenmarkt bedeutet, überlasse ich an dieser Stelle des Lesers ökonomischem Sachverstand.

Weder unsere Regierungsparteien noch die Opposition scheinen sich ernsthaft mit diesen Menschen auseinanderzusetzen und ernten dafür lakonisch schulterzuckend sinkende Wahlbeteiligungen sowie eine zunehmende Radikalisierung. Eine eigentlich helle Bestürzung auslösen müssende Umfrage aus diesem Jahr ergab, dass hochgerechnet 71% der Bevölkerung das „Solidaritätsversprechen unseres Gesellschaftsvertrages als gebrochen ansieht“. Mit sinnentleerten Sprüchen auf aktuellen Wahlplakaten, welche selbst der „Bäcker Blume“ als Kalenderspruch zu schlicht wären (z.B. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“), ist dieser wachsenden Gefahr für unsere Demokratie jedenfalls nicht zu begegnen. 16 Millionen Menschen leben eben nicht gut in diesem, unseren Lande. Große Probleme werden von der Menschheit nicht gelöst, sondern gelangweilt liegen gelassen, erkannte Kurt Tucholsky. Mal schauen, wie lang es uns noch gelingt zu ignorieren. Denn wir, verehrte LeserInnen, sind als Volk nicht besser als jene Vertreter, die wir wählten. Unser Credo: Läuft ja alles. Irgendwie…

Nächste Folge (2): Wer fleißig ist, bekommt auch was – Die Neidgesellschaft.

Wer Michael Krakow einmal live erleben möchte, dem sei sein Vortrag zu diesem Thema am 5. September 2017 in Detmold ans Herz gelegt.

Danke für 2014

Wir wünschen allen Kunden,
Lesern,
Spendern von Beiträgen und Fotos,
also eigentlich allen Menschen
einen guten Start in ein gesundes
und glückliches 2015.

collage2014

Und sagen DANKE für 2014!

Eine Ode an meinen Trumm / Fanta ohne Fun-Faktor

Text von Michael Krakow

Kann man so etwas wie Zuneigung empfinden zu einem kalten Gegenstand? Besitzern von Elektronikgeräten mit angebissenem Apfel auf der Rückseite, Rostschleifern von alten Käfern sowie Hüterinnen von Fabergé-Eiern stellt sich diese Frage vermutlich nicht, sie haben es längst verinnerlicht.

bottle of fresh lemonade

Nun hat es auch mich erwischt, des Amors Pfeil zittert im Ziel. Doch während Wisch-Tabletten, Buckelautos und Kunsteiern noch etwas Ästhetisches anhaftet, werden meine Gefühle von etwas ungleich wuchtigerem entflammt. Der kalte Gegenstand, welcher mein Herz regelmäßig erwärmt, ist wortwörtlich von kaltem Wesen, denn genau das ist seine Aufgabe. Wie läßt er sich beschreiben? Ein „Trumm“ ist laut Duden die Bezeichnung für ein Ungetüm, ein Brocken, eine in Präsenz und Ausdehnung imposante Erscheinung. Und exakt dieses herrlich lautmalerische Wort fiel mir ein, als ich das erste Mal vor ihm stand. Mein Durst hatte mich zu ihm getrieben. In einem fremden Gebäude wies man mir den Weg zur Erlösung, was eben seine Mission darstellt. Denn er ist ein Getränkeautomat. Was sage ich, der Ur-Vater aller Getränkeautomaten! In einem halbdunklen Seitenflur hatte man ihn platziert, vermutlich schon vor einer Ewigkeit. Einen Kopf größer als ich, sicher drei mal so breit und auch tief. Er brummt und summt rund um die Uhr, um jene zu kühlen, die man ihm in den kubischen Bauch implantiert. Myriarden von Flaschen muß er schon die Temperatur arktisch heruntergeregelt haben in den Tiefen seiner massiv beherbergenden Fassade. Ein treuer Soldat am Wolgastrand, der nicht infrage stellt, was ihm einst aufgetragen.

Was ist es nun, das dieses Gerät so anders für mich macht? Wie aus der Zeit gefallen ragt dieser Monolith vor mir auf, er wirkt tonnenschwer. Ich muß davon ausgehen, dass man ihn hier an dieser Stelle zusammengeschmiedet hat, denn in seiner finalen Gestalt ist er so immobil wie eine Felsformation. Mit all diesen modernen, filigran dünnhäutigen Automaten, die heut allerorten mit gewagten Kurven, aufdringlichem Gepränge und der nagelneuesten Technik gleißnerisch auftrumpfen, hat dieser Veteran so gar nichts gemein. Wie ein aufgerichteter Riesenschuhkarton erhebt er gar nicht erst den Anspruch auf so etwas wie Design, Features oder Marktpräsenz. Das Verhältnis von Neu zu Alt bei Automaten gemahnt hier an das ungleiche Paar Wall-E und EVA aus dem bekannten Animationsfilm erheblich jüngerer Tage. Die Oberfläche aus Grauguß widersteht Attacken gleichwelcher Art. Ein Safe wirkte filigran in seiner Nähe. Dieser Typus verrichtet diskursfrei seinen klar benannten Auftrag, nicht mehr, nicht weniger. Zuverlässig und unbeirrt seit Ölkrise, Watergate und Guillaume-Affäre. „Was immer auch geschieht bei Dir, ich stehe auf ewig hier und bin bereit für Dich, dürstender Wanderer“, scheint er im flackernden Schein der ähnlich alt wirkenden Neonröhre an der Decke kehlig zuzuraunen und fast würde es mich nicht wundern, schöbe er dabei eine Selbstgedrehte in seinen Münzschlitz. Ja, einen solchen hat er tatsächlich! Metallisch, stabil, vierfach verschraubt, die kleine Fläche daneben durch tausend Münzkanten abgeschabt, wie es die steinerne Tradition verlangt. Die Älteren werden sich erinnern. Keine EC-Karte findet Einlaß in diesem Zahlungsmittelalter, hier werden ausschließlich Münzen sanft eingeschoben. Und beileibe nicht alle – Nein, nur eine einzige Sorte ist es, die seine Akzeptanz findet. Immerhin schon Euro statt Mark, Taler oder Groschen, aber davon eben nur eine. Eine Flasche = Ein Euro = Ein Deal. Markant wie der Schluß zweier Arbeiterhände. Wenn Du wirklich Durst hast, besorge Dir gefälligst die passende Münze, Pilger, denn Wechselgeld gibt es hier nicht.

Verlangt es Dich zudem in der modernen Welt der millionen Möglichkeiten nach Energizern, Shots oder Smoothies, bleibt dies hier ein staubiger Pfad in die endlose Steppe. Mein Trumm, ja so nenne ich ihn mittlerweile nicht ohne Hingabe, bietet Limonade. Limonade. Nichts weiter. Fertig. Eiskalt und in schweren Flaschen, die ihre bauchige Form seit der Montan-Union innehaben. Never change a winnig team. Der Vorgang des Tausches Münze gegen Flüssigkeit darf mit Fug und Recht denn auch als Akt bezeichnet werden. Da wäre zunächst die Auswahl, welche keine ist, denn es gibt lediglich eine einzige Sorte, welche aber in einem Hauch von Großspurigkeit über sieben Tasten identisch angeboten wird. Die Bezeichnung „Taste“ ist korrekt, denn es gibt kein Touchpad oder ähnliche Sensorik, es sind Tasten. Aus dickem, transparenten Kunststoff, rechteckig und handtellergroß. Eine davon hat als erstes in einer Weise eingedrückt zu werden haben, die ein Gefühl von Arbeit vermittelt, denn die alten Gegendruckfedern sind straff wie und eh und je, wollen überwunden werden. Hier wird nicht softig gewischt, sondern physisch gedrückt.

Dies ist der erste physische Kontakt zwischen Kunde und Anbieter, der Trumm will spüren, wer von ihm die Herausgabe von Limonade verlangt – Mann oder Maus!? Als Reminiszenz an die Moderne ist jede Taste von hinten schwach beleuchtet. Ja, ganz recht vermutet, nicht durch eine Diode oder gar farblich kunstvoll changierende Rahmenlilluminierung, sondern durch ein tapferes kleines, gelblich schimmerndes Birnchen. So wie es sich gehört. Folgt man übrigens nicht exakt dem Ablauf der ab jetzt vorgegebenen Schritte, deren Studium kaum mehr möglich ist, da die Erklärtafel in Hüfthöhe verblichen ist, als Berti Vogts zu Mönchengladbach wechselte, bleibt die Kehle trocken. Varianz ist des Trumms Sache nicht, hier werden Regeln befolgt und nicht gespielt.

Nach dem Drücken der Taste ist der Zeitpunkt des Bezahlens, wie einst an den Fährmann ist der Taler nun zu entrichten. Wirft man ihn zu rasch in den beschriebenen Schlitz, so wird dies als Respektlosigkeit sogleich geahndet und der Trumm speit einem die Münze voller Verachtung einen Wimpernschlag danach aus seiner Verkleidung einfach ans Knie. Nochmal, Freundchen! Hier läßt sich Geduld, Demut und Sensibilität erlernen. Wird der Euro aber akzeptiert, so beginnt eine Musik voller Zauber. Man hört die Münze durch die Eingeweide kullern, rollen, sich heben und senken, Kurven fahren und Täler durchrinnen, Kanten keck touchieren, über Wellen klickernd tanzen, Pirouetten schwankend spiralieren. Dort drinnen muß sich eine Art kleine Achterbahn für Geldstücke befinden. Ich würde diese zu gern einmal sehen, doch das geht mich offenkundig nichts an, kein Menschenauge durfte je hinter die eiserne Platte blicken ohne sein Licht einzubüßen. Kein Zauberer verrät schließlich seine Tricks. Wie das Kaninchen aus dem Zylinder erwarte ich kindlich gebannt das Auftauchen meiner Flasche. Doch soweit ist es noch nicht. Die turbulente Fahrt der kleinen Münze mit der geprägten Eins dauert eine gewisse Zeit, das hält die Vorfreude spannend wie stabil. Tritt endlich Stille ein, so ist jener Moment gekommen, die bereits einmal gedrückte Taste ein weiteres Mal zu betätigen. Eine Art Prüfung des Meisters, ob der vor ihn getretene Adept auch konsequent in seiner Wahl geblieben ist. Innerlich kniet man an dieser Stelle vor dem Trumm, möchte seinen gestrengen Augen unbedingt gerecht werden, in gebotener Bescheidenheit das kostbare Nass empfangen. Nach einer weiteren Pause schließlich gibt er den Weg frei zum Ersehnten. Was eben den Weg des Euros geräuschtechnisch vergleichweise eher pittoresk beschrieb, findet nun seine Wiederholung in ganz anderem Klangvolumen. Die Flasche ist sehr schwer, der Weg arg weit und ähnlich kurvenreich. Es bollert, knallt, scheppert, dass es eine Art hat. Die gläserne Umhüllung samt schwappendem Inhalt scheint aus den Tiefen des Urals in einer Schubkarre über schroffe Gebirgsgpässe herangeschafft zu werden. Jede Bodenwelle kündet kraftvoll, dass die trübe Brause auf ihrem mühseligen Wege zu mir ist. Eine letzte Schanze noch und einem geburtlichen Vorgang nicht gänzlich unähnlich ist es vollbracht. Final wird die Limonade aus dem Trumm in einen stählernes Auffangbecken geschleudert, dass es an ein Wunder grenzt, dass beides dabei nicht sogleich zerschellt. Welch armer Tropf, der seine Hand unvorsichtig ungeduldig zuvor in diese Landewanne streckt. Das Trinken wird zweifelsohne mit der anderen Hand stattfinden müssen sowie nebenbei gemarterte Fingerknochen zu kühlen haben.

Doch geschafft, hurra! Der Trumm und ich sind wieder einmal die Zeremonie, unser wöchentliches Ritual liturgisch durchgegangen, haben es gemeinsam abermals ans Ziel geschafft. Ich proste ihm augenzwinkernd jovial zu wie einem Bergkameraden am Gipfelkreuz. Diese kühle Erfrischung habe ich mir verdient und er gönnt sie mir. Gern würde ich ihm bei Gelegenheit meine Kinder vorstellen. Ihm, diesen wunderbaren Relikt aus jenen Tagen, als Maschinen noch Maschinen waren und überdies Jahrzehnte einfach ohne anfälligen Mummenschanz funktionierten. Ich wünsche ihm noch ein langes Leben, kein anderes Gerät soll hier jemals stehen, dies ist seine Kaverne, soll es immerdar sein. In einer Stunde etwa kehre ich hierher zurück. Nicht für eine zweite Flasche, sondern um die dann leere andächtig zu ihm zurück zu tragen. Denn der Trumm hat eine Gefährtin, eine Trummin, direkt neben ihm. Was er gibt, nimmt sie. Ein DreamTeam – Gleiches Baujahr, gleiches Format, gleiche Grandezza. Kein Laser, kein EAN-Code, kein Display. Dafür richtig viel Charme und Stil. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Mein Traum? Die beiden Zwillinge rahmen in einer Behörde einen Paternoster ein. Ach, das hätte was…

 

Foto: © Andrey Ivanov – Fotolia.com

2. OWL Smalltalk mit Vortrag von Michael Krakow

lippische_rose_1000

Es ist soweit. Living in OWL (Online-Magazin für Ostwestfalen-Lippe) und demipress (Agentur für Fotografie + digitale Kommunikation) laden Sie herzlich zum 2. #OWLSmallTalk ein. Dieses Mal in einem etwas anderen Ambiente.

Am Samstag den 23. August 2014, um 15.00 Uhr treffen wir uns im Landhaus Blumengarten in Horn-Bad Meinberg. Hier ist der Name Programm. In märchenhafter lippischer Natur bei hausgemachtem Kuchen und Kaffeespezialitäten lauschen wir dem Impuls-Vortrag von Michael Krakow vom Charisma-Contor zum Thema

„Kundenzentrierte Kommunikation – Auszüge aus dem Fisch-Credo.“

Beim anschließenden Small-Talk haben Sie Gelegenheit, sich und ihr Unternehmen den anderen Teilnehmern vorzustellen. Bitte bringen Sie Visitenkarten und Flyer mit.

Kosten: 15 Euro pro Person. Im Preis enthalten sind ein exzellenter Vortrag sowie Kaffee und Kuchen.

Slider1

Ort:
Landhaus Blumengarten
Bangern 17
32805 Horn-Bad Meinberg
Telefon: 05234-3186
http://www.landhaus-blumengarten.de

Wir würden uns freuen, Sie an diesem Nachmittag kennenzulernen bzw. wiederzusehen und bitten um Anmeldung bis zum 18.08.2014 bei Petra Zreik.
E-Mail: livinginowl@gmx.de
Telefon: 05204-921522 oder 0172-7611842

Fotos: demipress

Beten im Baumarkt – Das Kreuz mit der Deko.

Text: Michael Krakow

Semiotik ist bekanntermaßen die Lehre der Zeichen und Symbole. Klingt zunächst latent entrückt, hat jedoch viel Alltagstauglichkeit. Im Bereich der unaufhörlich anreichernden Verschönerung der privaten Wohnstatt zum Beispiel ist sie allgegenwärtig. Der Zwang, das eigene Heim neben allerlei praktikablen Ingredienzien wie Möbeln, Elektrogeräten, Autoreifenkalendern und Unterhaltungselektronik zusätzlich mit dekorativem Tand anreichern zu müssen, ist eine Sucht, welche Männer gerade für sich entdecken, Frauen jedoch seit Urzeiten immanent scheint.

Dicke

Doch über die Unterschiedlichkeit der Geschlechter müßig Spott & Häme zu ergießen ist enervierend mariobarthisch, somit denkbar ungeeignet für Michls Embolium. Nein, die erquickliche Freude besteht heute darin, Objekte, denen jegliche Sinnhaftigkeit von Hause aus fehlt, da sie eben nicht mehr als dekorativ sein wollen, um ihres verborgenen Sinnes willen entblößen zu wollen. Gewiss ein anormales Vergnügen, jedoch vielleicht gerade deshalb geeignet, den Autor dieser Zeilen amüsiert zu beschäftigen.

Alles nahm seinen Lauf in der Dekoabteilung eines regionalen Ablegers einer Baumarktkette. Desgleichen gibt es jedoch auch in beeindruckender Flächenverzehrung in sämtlichen Einrichtungshäusern sowie Gartencentern. Die Krake Deko wächst und greift unaufhörlich um sich, sie strebt unzweifelhaft die Weltherrschaft an. Man mag sich die gierenden Wohnflächen des Privaten gar nicht ausmalen, auf die hier an genannten Verkaufsflächen Objekte aller Form, Größe, Color und Couleur harren. Von überteuert grotesken Statuen, welche mühelos den Stil des artdeco mit Elementen perikommunistischer Architektur verweben, über skurril drehende Filz-Fimo-Macramee-Mobilées, bis hin zu poppig bunten Plastik-Albernheiten, die spätkoreanisches Design in bemühter Leichtigkeit zitieren, das es solches nie gab.

Zwerge

Mit dem neuigierig wachem Blick des soziologisch Interessierten hier neugierig auf die Pirsch gehend wie ein Schmetterlingsforscher auf seiner Suche nach Faltern, werde ich all zu rasch fündig. Als erstes drängen sich vier zusammenhängende Buchstaben ins Blickfeld. Ein jeder so groß wie ein Briefbogen, aus weiß lackiertem Holze. Die Lackierung allerdings ist kunstvoll derart lückenhaft aufgebracht, dass es wie durch Witterungseinflüsse von Jahrzehnten abgeblättert wirkt. Weshalb soll etwas Neues wie alt wirken, während man im Regal daneben Aufmöbelungs-Produkte findet, mit denen man daheim Altes wie Neu erscheinen lassen kann? Das Perpetuum Mobile als Beschäftigungstherapie oder Bediendung des Prinzips „The Grass is always greener on the other side?“ Ein erster Lernerfolg stellt sich ein: Was beim Gebrauchtwagen den Wert mindert, erhöht ihn in der Dekowelt.

Jene vier Versalien jedenfalls bilden offenkundig eine Gruppe und formieren sich bei korrekter Konstellation zu dem Wort „H O M E“. Die kleinen Häkchen an ihrer Rückseite verraten, dass sie für den Wandbehang gedacht sind. Ich überlege stutzend. Weshalb soll mich eine Schrift an der heimischen Wand darüber in Kenntnis setzen, dass diese Wand mein aktuelles Zuhause darstellt? Während des Lesens bin ich ja bereits an diesem vertrauten Ort und auch (noch) nicht dement, kann mich also prima autark schriftlos an diesen Umstand erinnern. Und was ist mit Besuchern, die bei mir zu Gast, aber eben nicht daheim sind? Müssen die, um unguten Mißverständnissen vorzubeugen, energisch am Lesen gehindert werden oder begreifen sie jene Inschrift als augenzwinkernde Aufforderung, sich doch bitte nicht hölzern, sondern punktuell heimisch zu fühlen in meiner Kemenate. Oder wird mit „H E I M“ an die Geronten gedacht, denen es nicht selten an Stringenz in der allgemeinen Orientierung mangelt und denen man mit diesem Hinweis auf die Zukunft in einem Heim das Ungewisse nehmen will?

Home

Will der Baumarkt hier den Sanitätsgeschäften Marktanteile abjagen? Beschriftung und Benennung aller Dinglichkeiten, wenn die erlangte Pflegestufe keine personelle Unterstützung inkludiert. Dann jedoch sollten hier noch weitere Schilder ins Portfolio gewuchtet werden. Und richtig! Ein Gang um die Ecke offeriert folgerichtig die Buchstabengruppe „Bath“. Wieder weiß, wieder Holz, wieder abgeblättert. Corporate identity im Dekowonderland. Allerdings verstört, dass nur Demenzerkrankten angelsäschischer Provenienz in den eigenen vier Wänden geholfen werden soll. Sonst würde es auch „H E I M“ heißen müssen und „B A D“. Das kostete im ersten Fall das gleiche, im zweiten sparte der Kunde sogar ein Viertel.

Während ich mich philosophisch ergehe über die Merkwürdigkeiten dieser Beschilderung, grinst mich das gütige Gesicht des ewigmeditierenden Siddharta aus Polyresin (Material, nicht indischer Geburtsort) an, in seiner Wangentextur dem kleinen Oberjedi Yoda nicht unähnlich. In dieser Ecke seines Habitats wird der Baumarkt offensiv spirituell. In einem dichten Hain aus Bambi (Kennt jemand den Plural von Bambus? Bitte an mich via Mail. Dankesehr.) lugen Buddhaköpfe. Enthauptet ist er allenthalben, der Erleuchtete, der hier aber auch ein Gepfählter ist, denn jeder Kopf ist auf eine Stange gesteckt, die aus einem Holzquader ragt. Die Abmessungen erlauben eine standardisierte Unterbringung des Entleibten in die meisten Regale schwedischer Konstruktion. Dem Buddha ist sein Torso hier nur gestattet, wenn er denn auch eine neckische Funktion erfüllt, nur dadurch entgeht seiner Enthauptung, so lautet die Regel. Mal läuft ihm unablässig Wasser pumpend über den Bauch oder er streckt dem Betrachter dümmlich ein Teelicht entgegen wie eine Opferschale. Ein Religionstifter als Deko, das ist neu, der Glaube darunter abgetrennt wie der Kopf.

Buddha

Welch krude Überlegung dahinterstecken mag, die vor allem aber inkonsequent ist, das muß man doch mal zu Ende denken! Leben wir doch nicht in Asien, sondern in Europa. Hier wird nur die kleine Zielgruppe avisiert, da hilft kreative Ergänzung im Sortiment dem Umsatz gut. Decken wir doch die gesamte Palette menschlicher Konfessionen ab! Weshalb nicht flankierend auch ein aufgespießter Jesuskopf, dessen Dornenkrone lustig Teelichter aufnimmt? Wer zum Hauptsymbol seiner Religion ein Folterwerkzeug (Kreuz) erkoren hat, den sollte dies doch humoresk ansprechen. Oder ein Mohammed, der Wasserkaskaden als Zimmerbrunnen ersprudelt sowie ein David, aus dessen Steinschleuder ein kleiner Zierstrauch sprießen! Zieht es durch, Ihr Heimwerkertempel, Möbelpaläste und Blumenkathedralen, werdet spirituell – Klerikal-Utensilien für alle Gläubigen, Halleluja, Versorgung abgerundet! Oha, das geht gar nicht, das gibt Ärger. Keine Deko-Ideen bei diesen drei Weltreligionen, da sind sie ungeheuer vulnerabel.

Dass Buddhisten in der Regel auch hier relaxt sind, hat sich offenbar bis in die Dekohöllen herumgesprochen, weshalb hier der indische Prinz gefahrlos dutzenfach geköpft, aufgespießt und gewässert werden darf, die restlichen Propheten jedoch Tabu bleiben. Für pathogene Empfindlichkeit sind Buddhisten nicht eben berühmt und auf Kreuzzüge, Inquisition, Blaspehmie-Detektorismus, Creationismus, Borniertheit, Attentate im Nahverkehr und ähnliche Aktivitäten haben die anderen drei schon das Copyright.

Den Anhängern Buddhas bleiben die prangenden WerkzeugGartenMöbel-Kapellen. Eigentlich ein netter Service, denn wirkliche Tempel gibt es ja kaum in dieser Ecke der Welt. Vielleicht meditiere ich einfach mal hier, zwischen Hibiscus und Konifere. Innere Entspannung und Erleuchtung im Baumarkt, Doityourself auch am eigenen Gemüt. Das passende Schild ist auch nicht weit, der hölzerne Imperativ „Sleep“ für den Ruhebereich winkt zwischen Raumduftkugeln und Zugluftrollen. Ui, fünf Buchstaben, eine teurere Handlungsanweisung für die Nacht. Da fällt einem für den Bettbereich noch eine weitere englischsprachige mit vier Buchstaben ein, doch dann müßten die kindlichen Kunden in ihren mobilen Sitzschalen flugs aus der Sichtachse geschwenkt werden.

Mit der Überlegenheit des stilsicher Distanzierten, des lässigen Puristen, des larmoyanten Citoyens, lächle ich überheblich über all diese Devotionalien der gelebten Kleinbürgerlichkeit, die jedes Heim in ein individuelles verwandeln sollen, was allein schon daran scheitert, dass alle hier und letztlich auch dasselbe einkaufen. Während ich also meine snobistische Verachtung gegenüber diesen Petitessen der Pseudogemütlichkeit demonstrativ zur Schau lustwandle, fängt mein Blick vier weitere hölzerne Buchstaben ein: „T Y P O“. Hey, das ist cool, das ist ironisch, narrativ, selbstreferentiell. Und es ist maigrün, hurra! Das ist natürlich etwas völlig anders als dieses dämliche „H O M E“, das soll man mal bitte nicht in den gleichen Design-Topf schmeißen. Das ist keine Deko, dass ist Satire in weißblättrigen Treibholz! Die vier hölzernen Wandhänger müssen unbedingt mit, so viel ist sicher, ich werde sie in mein Büro hängen, direkt über den Schreibtisch.

Tellerliebe

Eine Schrift, die aussagt, das sie Schrift ist. Hallo, das ist der feine Wortwitz eines Weltenbürgers würdig! Ach, mein Geschmack ist halt noch immer einzig und so wunderbar erhaben über jeglichen Mainstream. Wegen meiner innergedanklichen Lästereien zuvor allerdings schleiche ich mit meiner grünen Beute betont unauffällig zur Kassenzone und fühle mich dabei wie einst als Jüngling beim Kondomkauf in jener dörflichen Monopol-Apotheke, dessen Inhaberin mit meinen Eltern befreundet war. Beim Bezahlvorgang murmle ich verständnisheischend achselzuckend „Geschenk“ und “Cousin, entfernt”, was die gelangweilte Scanbeauftragte mit Ignoranz quittiert. Nun hängt die Typo in meiner heimischen Kommandozentrale. Über dem Buddhakopf aus Gips. Macht sich richtig gut als Ensemble, bei mir ist es halt ungeheuer individuell. Alles wird grün, liebe Charismatiker. Auch Schriften aus Holz. Verwitterte Grüße…

Dekoartikel fotografiert bei New Classic Lifestyle Anke Kirsch

Menschen! Tiere! Sensationen!

Text: Michael Krakow

Vor meinem Haus parkt ein Laster. Also keine Untugend, sondern ein solider Lastkraftwagen. Auf seiner Plane stand zu lesen: „Glas-Emotionen“. Da destilliert sich im Vorübergehen in meinem Hirn die beinahe dadaistische Fragestellung “Hä?” Angesichts der sehr großen, sehr transparenten, kantigen Objekte in ihren schweren, weißen Rahmen, welche eher emotionsfrei an jenem Gefährt einbaubereit lehnten, schien es sich bei dem Besitzer also um einen Glaser zu handeln. Wieder ein ehrbares Handwerk, das wir an die nimmersatte Muräne der Werber verloren haben, die ihrerseits eine Moräne lostraten an euphemistischen Aufplusterungen von praktischen Bezeichnungen. Was an Fensterscheiben ist so kümmerlich, dass sie nun “Glas-Emotionen” heißen sollen?

Wasserspritzer auf einer Scheibe mit buntem Hintergrund

Wenige Minuten zuvor erst hatte ich etwas erstanden, das ehedem nicht mehr sein wollte als ein schlichtes Brötchen, nun aber seine Typisierung in den Modus Eitel gepusht bekam und sich daraufhin nicht nur „fit“ sondern auch noch „vital“ zu präsentieren hat! Ein Teigling kann nicht fit sein, auch nicht vital! Ja, beides nicht einmal den Kauer machen, im Gegenteil. Wenn ich zuviel davon esse, verliere ich diese beiden Eigenschaften sogar. Zügig vital wird allenfalls die im Brötchen unschön eingequetschte Industrie-Mayonnaise im Hochsommer. Selbstredend, dass diese Krönung der Teigkunst auch nicht mehr von einem fleißig bescheidenen Bäcker angeboten wird, sondern von der Event-Bakery, die für ihre Namens-Hülsen das dreifache Salär eintreibt.

Gleich will ich noch zum Friseur, die scheint es ja auch nicht mehr zu geben. Es wimmelt von Zauber-Coiffeuren, David Copperfields der Schere, Bürsten-Garrets, die so knackflach daherkommen wie „Kamm in“, „Sahaara“ oder „Haarem“ oder so strunzdumm wie „JennifHair“ oder „HeadHunthair“. Ob sich dort jemand meines schlicht struppigen Haupthaares annimmt, es lediglich etwas zu bändigen sucht? Denn nur dies erbitte ich, keinen “Undercut mit fresh Extensions”. Mein Friseur aus Kindertagen hieß wie sein Laden, bzw. umgekehrt: Nachname voran, besitzanzeigend, gefolgt vom Spitznamen. “Funkes Willi”, kompakt wie ausreichend. Ein Kamm kreuzte schmiedeseiern die geöffnete Schere. Da muß der Customer nicht einmal readen können.

taglio di baffi con forbici

Mitnichten bin ich ein rückwärtsgewandter Nostalgiesüchtiger, der Neuzeit verängstigt entgegenbibbernd. Doch das “Es gibt sie noch, die guten Dinge” eines sattsam bekannten Oberstudienrat-Innenausstatters ist mir wohlig wärmer als der Zusatz „Erlebnis-Wohnen“ beim modular monströs auftretenden Möbelgiganten auf der Vorstadtwiese. Da brüllt ein Löwe, da ist der Lutz schon morgens XXXL, die dicke Marzähnerin ein rosa Boss und in den regnerischen Himmel ragt die Lehne eines zwölf Meter hohen, roten Stuhls. Du meine Güte! An sich ist doch nur ein neues, kleines Sofa mein unspektakuläres Begehr, dass des abends meinem maroden Leib eine untergründige Heimstatt zu bieten vermag. Straff und trotzdem nachgiebig, einfach, praktisch gut, zu sinnfrei ödem, sinnierend Draufsitzen. Eine Lounge-Area mit spacigem Chillfaktor in spooky Dessins braucht es bei mir nicht. Jedoch verheißt jener kreischend bunte Zusatz „Erlebnis“ Unabwendbares. Kehre ich nach Haus nach eines vollen Tages Mühen, darf ich nicht abschlaffen, eintrüben, einsinken. Nein, erleben soll ich dann, mich erwartet schließlich „Erlebnis-Wohnen“. Bitte nicht, ich erlebe doch schon tagsüber genug, zuhause muß das nicht mehr sein, es reicht eine Sitzfläche. Vielleicht mit einem duftenden Kaffee in der Hand.

Kaffeekapseln

Aber auch dies wird schwierig. Kaffee ist ja so Neunziger, Leute, lächerlich! Die von indonesischen Findelkindern im Mund gewalkte Kapselette „Pollutio“ muß in die möndäne Pressdestille in Ulcus-umbra metallic geschoben sein. Natürlich aus der georgischen (Schaupieler, nicht Staat) Mistpresso-Boutique (vulgo Kaffeladen) aus dem teakstylischen „Carpe-Diem-Bereich“. Ja, das ist wirklich wahr, die haben letzteres wirklich! Nicht länger die simple Volumenfrage „Tasse oder Becher“ ist dort en vogue sondern „Grande oder Venti“?

Kommt es später zu unclooneyschem Grimmen im Magentrakt, mag dann auch die Krankenkasse nicht länger hintanstehen, empfand sich da wohl ebenfalls als zu defizitär (werbesprachlich, finanziell ohnehin) und möchte lieber schick steril „Die Gesundheitskasse“ sein. Die Seuche greift um sich. Der türkische Obstladen an der Ecke, der gestern für alle noch punktgenau „Der Obstladen“ war, verheißt prangend nun „Fruits&more!“ in farblich changierender Leuchtschrift. Was bitte verbirgt sich hinter „more“? Es gibt dort noch immer lediglich Obst in Holzkisten. Was auch noch immer prima und genügend ist. Hört dieser Hype nie auf? Wann wird der Bestatter „Power-Dying“ inserieren, der Proktologe einen „Mega-Slide-In“ prononcieren, der Metzger „Full-Meatball-Overload XL“ aufdrängen oder der Buchhändler den „Change-Bookpages-Slow-Definition“ in die Auslage wuchten?

Je mehr die Kleinbürgerlichkeit im täglichen Sein (vgl. Wahlverhalten) um sich greift, um so mehr muß dies durch blinkenden Wahn im Konsum verkleidet werden. Doch gibt es auch Hoffnung. In einem Bistro schrieb der Wirt, dem meine Verehrung schon allein dafür allzeit sicher ist, mit Kreide (nicht Leuchtmarker) auf seine Schiefertafel (nicht Monitor) hinter der Theke: „Kein WLAN hier. Unterhaltet Euch einfach.“. Jawoll! Da hüpft das geschundene Sprechherz. Viel mehr erquickt mich ohnehin, wenn der Name des Eigners ungewollt zur Branche paßt, entweder autoreferentiell oder ad absurdum führend. So gibt es in meiner Stadt Detmold tatsächlich den „Dr. Eichhorn, Facharzt für Kleintiere“, köstlich. Oder in Bad Berka das Nagelstudio von Manuela Pfotenhauer, die Zahnärzte Stefan Pein (Bremen) oder Ulrich Laudwein (Castrop-Rauxel), Arbeitsbühnen Rost (Solingen), Gier Versicherungen (Emsdetten), Elektrotechnik Peter Kabel (Hamburg), M. Nothdurft Sanitär (Bückeburg) oder die Gärtnerei Übelhack (Goldkronach). Herrlich. Es muß eben nicht permanent die RTLisierung der Welt sein, jenes zwanghafte Spektakulisieren von profanem, dafür soliden Gewerkes. Aber es muß nicht ohne Raffinesse bleiben, was dem kirmeshaftem stolz entsagt.

Hierzu abschließend der kongeniale Beweis aus der Domstadt Köln. Dort gab ein pfiffiger Zweiradhändler seinem Geschäft eben nicht den Namen “Biketown” oder ähnlich pseudoanglizistisches, sondern schraubte in schlichten Lettern „Radgeber“ über die Glastür. Bravo, ich verneige mich! Witzig und dennoch bescheiden, pur, mit chiruigischer Sprachpräzision auf den Punkt gebracht und zurückhaltend doppelbödig. Denn genau das ist es, was der Mann tut – Er gibt ein Rad. Es geht also doch. Hoffnung keimt grün, liebe Charismatiker. Euer Contor jedenfalls heißt und wird geheißen wie es hieß – Gestern, heute und morgen. Niemals „Communication Consulting Center“ oder ähnlich inhaltsleer prahlerischer Unfug. Dafür stehe ich mit meinem eigenen Namen. Versprochen.

Foto 1: © ankiro
Foto 2: © alex.pin
Foto 3: © novro – alle Fotolia.com

Wenn Realität Metaphern überholt

Text: Michael Krakow

First Aid

Der Atem scheint zu gefrieren in der Luft, des Eises harte Schicht auf der Frontscheibe ist schwerer löslich als zuviel Nescafé, und der Ostwestfale zeigt einmal mehr, dass er cooler ist als jeder Teutowinter. Jener Dialog heut morgen um acht auf dem Parkplatz des vierbuchstabigen Supermarktes jedenfalls ist von lippischer Güteklasse.

Eine Frau steigt aus ihrem ökonomisch ausgewogenen Kompaktgefährt, ein älterer Herr mag parallel in das seine, monolithisch wirkende, steigen. Man kennt sich, ist offenkundig Nachbarn, grüßt sich freudig über die schneemarmorierten Autodächer. „Moin Karl, wie lang habt Ihr denn gestern abend noch gemacht?“ Der auf dem Haupte saisonpassend Eisgraue zögert nicht mit seiner Antwort: „Bis der Arzt kam!“ Die Fragerin lacht helle Wolken vor ihrem Mund: „So lange!? Respekt, mein Lieber!“ Karls nun folgende Replik allerdings gerät etwas frostig: „Nein, so spät meinte ich nicht. Irmhild ist umgefallen.“

Der Dame Lächeln erstarrt wie der veritable Eiszapfen am Fallrohr des Getränkemarktes und ihre fellig behandschuhten Finger versuchen erfolglos die letzte flapsige Bemerkung zurückzuholen: „Oh Gott, was ist mit ihr?“ Der stoische Karl jedoch nimmt es ihr offenundig nicht im mindesten übel: „Alles gut. Kreislauf. Jezz hol ich uns ersma Brötchen“. So ist er, der Oszwestfale, es kann geschehen, was will, er behält stringent die Contenance. Da ist ein Lipper allein wie drei Briten der Upperclass in der Rudelbildung. Winters wie Sommers. Heißt „Haltung bewahren“ deshalb auf der Insel auch „Stiff upper Lip“? Königshaus aus Hannover, Haltung aus Lippe. Aber das ist eine andere Geschichte. Alles wird grün, verehrte Charismatiker.

Foto: © style-photography.de – Fotolia.com

Semantische Trojaner, bleibt im Rumpf!

Artikel von Michael Krakow

Die Vereinfachung der Begriffe ist die erste Tat der Diktatoren“ erkannte Erich Maria Remarque. Nun, von einer Diktatur scheinen wir gottlob (falls der günstigen Einfluß hatte) weit entfernt. Nein, wir haben uns (auch) rhetorisch erheblich weiter entwickelt, wir vereinfachen die Begriffe nicht mehr, bagatellisieren, simplifizieren sie nicht länger. Wir drehen sie stattdessen aus dem Wind, drechseln sie dünn, stellen sie auf den Kopf. Wir nehmen positive Begrifflichkeiten und konnotieren sie verächtlich, verfilzen ihren Sinn, verformen sie in ihr Gegenteil. Ist dies eine Zeit lang verbal mit einem Wort geschehen, dann funktioniert es auch in geschriebener Form. Beim Lesen hören wir, innerlich konditioniert wie ein Pawlowscher Ohrhund, die neue Deutung, akzeptieren sie, machen uns mit ihr gemein, hinterfragen gar nicht mehr, was da und wie es geschehen ist. Beinahe unbemerkt stiehlt man uns dergestalt regelmäßig Benennungen, quirlt sie durch den Zynismusmixer und gibt sie uns perfid grell lackiert zurück in neuer, stylisch hochmütiger Deutung. Damit ist ihre weitere Verwendung in ursprünglicher Intention schier unmöglich, ihre Urbedeutung wohlfeil stranguliert.

Gutmensch

Begonnen hat es irgendwann mit dem „Gutmenschen“.  2012 erlangte dieses Wort den zweiten Platz als Unwort des Jahres. Das Bemühen, im Rahmen der ureigenen, bescheidenen Möglichkeiten ein möglichst guter Mensch zu sein, wurde über Nacht zum Kampfbegriff der selbsternannt modern Cleveren gegen scheinbare rückschrittlich Einfältige. Der Gutmensch ist der Moralapostel 2.0, Langweiler reloaded. Auch Sie lesen es und haben sogleich den kirchentagsgeschmiedeten Strickpulloverträger vor Augen, wie er stickerbewehrt und unangehm sandaliert gegen die vielen Unrechtswindmühlen dieser Welt sakrosankt ansalbadert. Will zu dieser Gruppe nicht zugehörig gerechnet werden, weist das Gutmenschentum rasch und überprononciert von sich. Welch Tragik darin liegt, gab es doch nie zuvor solch einen Bedarf an Gutmenschen wie derzeit! Ein famoser Kopfstand durch diese frisch spiralierte Definition, ist doch damit jetzt gesellschaftlich anerkannter, ein quirliger Anlageberater, geschmeidiger Rüstungsfabrikant oder alerter Lobbyist zu sein als solch ein alberner Gutmensch, der die neue Zeit weinerlich längst verpasste.

Da es mit diesem Begriff so (im wahrsten Wortsinne) furchtbar funktionierte, gab es nun siegestrunken die grobe Kelle und der „Ökonazi“ wurde getauft. Wie tief kann gesunken werden, um jene, welche sich sorgen und bemühen um die geschundene Umwelt zu vergleichen mit dem schlimmsten Terrorregime der Weltgeschichte? Der Verfasser dieser Zeilen liebt Sarkasmen, Tabubrüche, Provokationen als Werkzeuge der Überspitzung außerordentlich, hat sie lustvoll im täglichen Gebrauch, doch sind damit sämtliche Geschmacksgrenzen aufgehoben? Sie mögen bisweilen anstrengend belehrend daherkommen, jene hennabezopften Reformhausjünger, doch nichts an ihrem Sein und Tun rechtfertigt diese Etikettierung. Es ist schändlich und bagatellisiert nebenbei die unsägliche Existenz jener, die dem Nationalsozialismus stumpf sich ergeben. Übrigens ist das kein rechtes Gedankengut, denn an diesen Gedanken ist aber auch gar nichts gut. Noch solch eine beknackte Sprechvermüllung, die unwidersprochen konterminieren darf.

Frauenversteher

Dann kam der „Frauenversteher“ an die Reihe. Wie geschah es bitte, dass der Versuch, als Mann eine Frau verstehen zu möchten, diesen damit zur lächerlichen Figur verkümmern läßt? Selbstverständlich erlangt er dieses Verstehen kaum ansatzweise, doch schon das Bemühen darum beraubt ihn ab sofort öffentlich seiner Männlichkeit. Will er weiterhin zum marlboroten Club der Bürocowboydarsteller gehören, darf er sein Verstehenwollen keinesfalls ausleben, muß er es maximal klandestin daheim probieren, um nicht unversehends am verkicherten MarioBartPranger zu strampeln. Wie armselig das ist. Wäre der Mann tatsächlich noch ein Kerl, so ist ihm die Bewertung seines Tuns durch selbsterkorene Begriffsneudeuterkobolde souverän gleichgültig. Er bliebe Mann, nicht trotzdem, sondern weil er sich geistig neugierig erobert, was ihm schwer verständlich erscheint.

Wut

Stuttgart 21 erbrachte uns schließlich den „Wutbürger“. Man kann zu diesem Bahnhofsexperiment stehen, wie man will (der Autor zum Beispiel eher positiv), doch Bürgern, die ihr (erheblich zu selten) genutztes Grundrecht in Anspruch nehmen, öffentlich zu protestieren, ihre Zielgerichtetheit abzusprechen, ist nichts anderes als infam. Den Wut hat keine Richtung, keinen Fokus, keine Absicht. Wenn jemand wütet, so ist er schlicht in sinnfreier Raserei. Der richtige Ausdruck wäre „Zornbürger“, denn Zorn hat stets einen klar umrissenen Auslöser und bietet zudem Spielräume der Verhandlung. Doch genau das ist es, was subtil verschleiert werden soll, Wutbürger lassen sich als Chaoten schmähen und dementsprechend behandeln. Mit Zornbürgern könnte und müßte man sich inhaltlich auseinandersetzen, Wütige hingegen bekämpft man roh mit amtlichen Wasserstrahlern (die das Wasser keineswegs werfen, Wasserwerfer mit 20 bar Druck ist eklig euphemistisch).

Der Beispiele gibt es viele, doch die benannten verdeutlichen, wie uns die Deutungshoheit trojanisch unterwandert wird. Denn Sein schafft noch immer Bewußtsein und Sprache dient hier kafkaesk mißbraucht als Steigbügel des falschen Pferdes. Weshalb lassen wir uns das gefallen, dass in dieser infantil rauschhaften Phase der medialen Überhöhung von Petitessen, in der dafür alles Richtige ins verzerrte Licht gehäckselt, somit lächerlich gemacht werden darf, jedes Anzustrebende auf seinen noch so schmalen Unterhaltungswert gedehnt verkaspert wird? Es ist die Angst. Die begründete Angst vor bestimmten Gruppen oder Ansätzen. Es ist das ohnmächtige Gefühl, auf der falschen Seite fröstelnd zu hampeln sowie sich dort vor hehren Ansprüchen unbewußt winzig zu fühlen. Denn nur wo die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. Und deshalb hat Remarques Warnung noch immer Bestand, ist sie vermutlich aktueller denn je. Nur, dass es sich nicht länger um die regierungspolitische Diktatur handelt, welche dräute, sondern die Diktatur des Kleinmuts, des Dünkels, der gesinnlichen Humpelnden. Sich über das Unbekannte, deshalb bedrohlich Empfundende lustig zu machen, ihm die Kraft, die Macht, die Energie zu rauben, es dergestalt auf ein  erträgliches Maß zu stutzen ist ein uralter Mechanismus. Insofern können sich die Geschmähten eigentlich geehrt fühlen. Denn insgeheim nimmt man sie zutiefst ernst. Im Unvermögen, dies lässig zu offenbaren, bleibt lediglich die Flucht in Herablassung aus der gefühlten Unterlegung heraus. Gutmenscheln, ökologisiert sein, frauenverständig und zornbügerlich aber macht charismatisch. Einfach mal probieren. Alles wird grün.

Fotos:
© Marco2811 – Fotolia.com
© ftelkov – Fotolia.com
© photophonie – Fotolia.com

Phasenweise Phrasenreise auf Allgemeinplätzchen

Text von Michael Krakow

Auf Phrasen trifft der (auch un)geneigte Hörer in der Musik, wesentlich häufiger jedoch in der alltäglichen Sprache. Ob im eher privaten Rahmen oder gerade auch auf Allgemeinplätzen, wenn dieser kleine Kalauer gestattet ist. Weshalb es den gern aus der sprachlichen Hüfte agierenden dazu drängt, annähernd permanent das zu verwenden, was der Duden als „Sentenz oder Floskel“, Wikipedia als „inhaltsleere Sprachhülse“ und Hans-Otto Schenk ungnädig als „Papageiendeutsch“ diskreditiert, erschließt sich nicht auf Anhieb.

Wer sich allerdings linguistisch den Jägern und Sammlern zurechnet, findet in jedem Fall reiche Beute. Überreich, weshalb sich dieses Embolium auf Satzanfänge, Einstiege, einleitende Auftakte zu nachfolgenden Aussagen fokussieren soll. Besonders das preußisch-imperative „Passen se auf“ erzwingt auf so ungemein unangenehme Weise Aufmerksamkeit und impliziert zudem sogleich, dass bis zu dieser harschen Anweisung keinerlei Aufmerksamkeit gegeben, somit ein eklatanter Mangel erkannt wurde sowie völlig zu recht nun eine Bringschuld eingefordert wird. Ein unverhohlen hierarchischer Einstieg, besonders scheußlich, wenn er inflationär jedem zweitem Aussagebeginn vorangestellt wird. Enttäuschend zudem, wenn der Informations- und/oder Unterhaltungswert des so pompös introduzierten nicht annähernd hält, was dieser verhieß oder nur eine faktisch arg dünne Meinung autokratisch prophylaktisch aufpolieren soll.

Living in OWL

In ihrer Überflüssigkeit mühelos überboten wird diese Einleitung jedoch von dem paradoxen „Ich will Ihnen mal was sagen“. Abgesehen davon, dass die angekündigte Handlung bereits mit und durch diese Ankündigung eingetreten ist (eine klassisch normative Kraft des Faktischen, vgl. „Darf ich Sie etwas fragen?“), wäre es dem Adressaten auch ohne diese ganz und gar unklandestine Warnung aufgefallen, dass ihm etwas gesagt wird. Fällt ihm dies durch mannigfaltige Gründe jedoch nicht auf, so wird er wohl auch diesen martialischen Auftakt verpassen. Diese Form des absurden Satzbeginns ist auch abgemildert in der kompakten Straßenversionen erhältlich: „Ich sag ma…“. Im herrlichen Sprach-Eldorado Ruhrgebiet lauscht man häufig auch der beliebten Pluralvariante „Wolln ma so sagen,…“.

Doch hurtig weiter in der fransigen Parade der stolpernden Phrasen. Ganz gleich, ob eine Meinung abgefragt wird oder ungefragt geäußert wird (absolut der Regelfall), so ist doch ganz wichtig, in die Proklamation einzusteigen mit dem Hinweis „Also, ich persönlich…“. Wie anders als persönlich kann man seine Sicht auf die Dinge kundtun? Ich und persönlich sind eine Dopplung wie ein weißes Schimmel (wahlweise gieriges Finanzamt, narzistischer Bayernvorstand etc.). Unpersönlich von sich selbst zu sprechen scheint nicht nur widersprüchlich, es ist es zweifelsohne.

Doch auch diese Sprachburleske läßt sich durch ein alltagstaugliches Modell ergänzen: „Wenn Sie mich so fragen“. Es versteht sich, dass diese Formulierung nicht gebraucht werden darf, wenn dem tatsächlich eine direkte Frage vorausging, da dies ihren famos schrägen Charakter zunichte macht. Alternativ kann auch die inhaltliche Verantwortung erfrischend als bloße Unterstellung retourniert werden: „Wenn Sie so wollen,…“. Auch hier wieder gilt: Nicht einsetzen, wenn der Angesprochene wirklich so will, der Reiz liegt in der lakonischen Unterstellung. Wer Ja und Nein wegen und in ihrer Klarheit vermeiden möchte, bezweifelt schlicht den Status des besprechenswerten mit dem ewig jungen „Kein Thema!“ Wirkt souverän und sagt dennoch so herrlich wenig aus.

Living in OWL

Die Königsklasse im Karussell der unsinnigen Satzfragmente allerdings kann erlangt werden, wenn der Wahrheitsgehalt gefühlt zweifelhaft ist. Hier nämlich wird elegant die ambitionierte Absicht bekundet: „Ich will jetzt nicht lügen“. Darf also davon ausgegangen werden, dass der Sprecher häufig lügt, sich darüber bewußt ist sowie dagegen ankämpft? Oder ist es ein verklausliertes Kompliment, da lediglich jetzt in diesem Augenblick nicht gelogen werden will, eine Hommage an den Hörenden? Der Könner aber bindet auch hier den Angesprochenen geschickt mit ein: „Lassen se mich jetzt nich lügen!“. Lassen wir den Umstand außer acht, dass es kaum möglich ist, jemanden (zumindest gesetzeskonform, sprich gewaltfrei) an unwahrheitlichen Äußerungen zu hindern, so erinnert diese Bitte um Vermeidungsunterstützung grotesk unterhaltsam an reflektiert Süchtige. Die Kontrolle, ob die Verhinderung der Lüge durch den Hörer erfolgreich war, ist überdies an Ort und Stelle selten möglich bzw. überhaupt angestrebt. Ja, ich weiß, natürlich ist klar, dass diese Phrase übersetzt bedeutet „Ich weiß es nicht genau, ich spekuliere jetzt halblaut die Wahrscheinlichkeiten und übernehme daher ungern deren Gewährleistung und bitte Sie jetzt um die Übernahme dessen“. Das aber klingt eben arg sperrig und wenig alltagstauglich. Doch Phrasen wie diese (vgl. Die Toten Hosen) zu überdenken und auf ihren Gehalt semantisch zu zerlegen, kann so wunderbar korinthisch entleerend wirken.

Tja, lasse ich es für heute gut sein und schließe dieses Embolium nun einfach ab mit Einleitungen. Bereit? Passen Sie auf, ich will Ihnen mal was schreiben. Ich für meinen Teil finde: Alles wird grün, verehrte Charismatiker. Also, wenn Sie mich so fragen, da will ich jetzt nicht lügen.

© Scott Griessel – Fotolia.com
© Antje Lindert-Rottke – Fotolia.com

Die sprachliche Entfremdung des Sprechenden von sich selbst

Text von Michael Krakow

„Es wurde dann geheiratet, man bekam Kinder“. Der mediale Rezipient reibt sich die Ohren. Wen meint jener im öffentlich-rechtlich ausgeleuchteten Ledergestühl insistiv gefragte Rekordnationalspieler – tatsächlich seine Ehe, seine Kinder? Wie mag es geschehen, dass derzeit nicht wenige Sprechenden automatisiert in eine sprachliche Distanzierung gleiten zu dem selbst Gesprochenen? Das kuriose Phänomen „Logorrhoe Matthäusensins“ verlangt dergestalt bezeichnet wie ergründet zu werden.

Zitrone auf Teller Living in OWL

Solch kuriose Satzkonstruktivismen wie „Man hat zu der Zeit einige Fehler gemacht“, wenn es die eigenen betrifft oder „Viele Länder wurden bereist“, um die eigene Weltläufigkeit auszudrücken, verblüffen. Da wird der Aussager zum distanzierten Kommentator seiner Selbst. Diese öffentlich ausagierte Form von verbaler Schizophrenie (altgriechisch „abspalten“) befremdet, noch mehr aber fasziniert sie. Mich. Oh, ich fange auch bereits an, mich selbst nicht mehr im Satz zu führen, wenn es um meine Empfindungen geht. Ergo eine virale Angelegenheit mit akustischem Infektionsweg.

Sich selbst zur dritten Person machen zu müssen, speist sich aus welcher kruden Intention? Läßt sich Sein und Seinwollen nicht mehr in Deckung bringen, weshalb das Innere einen Schritt aus der ungewollten Hülle tut, um deren Handlungen von außen bemüht sachlich neutral zu reportieren? Oder ist es eher Hybris, Stilisierung der eigenen Person zur Lichtgestalt (Morbus Franz), die beständig nur noch vom imaginierten Balkon aus zum gefühlten Auditorium proklamiert statt einfach zum Nächststehenden zu sprechen?

Die Eigenwahrnehmung als zentralem Zeugen des Zeitgeschehens, der aus lauter trunkenem Beeindrucktsein vom eigenen Ego sich selbst verbietet, in der ersten Person von sich zu reden. Oder ist sie schlicht Ausdruck von Unverständnis den eigenen Handlungen gegenüber, eine aus Bekanntscham geborene Fraternisierung mit den Hörenden, denen es ganz ähnlich ergeht? Beispiel: „Man hat es zu diesem Zeitpunkt nicht besser gewußt“. Die Hörenden wußten es schon zu jenem Zeitpunkt, das nun erfolgte, verspätete Nachvollziehen der Erkenntnis wird verklausuliert zugegegeben.

Um diese Systematik dicht zu erfahren, beschließe ich, in den nächsten Tagen selbst auszuprobieren, wie sich das anfühlt, was sich verändert, wie die Umgebung reagiert. Ein Experiment! Ich transferiere diese Form des Sprechens in meinen Alltag. „Man wünscht 150g Emmentaler, man schätzt dessen Genuß sehr“ (Einkauf, Fachkraft Käsetheke); „Man fragt sich schon gerade, wo in Ihrer Stadt der Bahnhof zu finden ist“ (Fremde Stadt, Passant) oder „Man kann sich durchaus vorstellen, am Samstag zu Deiner Feierlichkeit zu erscheinen“ (Einladung, Freund). Erstaunlich, eine erste Erkenntnis stellt sich ein! Die Veränderung ist, dass wie von selbst die Sätze gestelzter formuliert werden. Es wird wundergleich pastoraler, höfischer, innerlich wiederkehrend die Verbeugung mit Grandezza durchführend. Scheinbar paßt nur die erhabene Form zur dritten Person. Das ist zwar weniger alltagstauglich, aber auch ein Zugewinn an Sprachgenuß. 1:0 für die Dritte, wie ich sie in Anlehnung an Symphonien als Hommage ab sofort abkürzend nenne.

„Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist!“. War es nicht jener römischste aller Imperatoren, von dem überliefert ist, dass er die Dritte innglich bevorzugte, allen Detailschwierigkeiten zum Trotze? Oh ja, unvergessen exemplarisch jener persiflierte Dialog zwischen Kohortenführer und Lobeerträger, von René Goscinny zeichnerisch in deren Münder fabuliert: „Er ist großartig!“ „Wer?“ „Ihr, mein Cäsar!“ „Ach, er“.

Prehistoric Man Lost in Time Living in OWL

Zugegeben, der Bogen von Cäsar zu vokal marodierenden Exfußballern ist in seiner Dehnbarkeit bis ans Äußerste strapaziert. Vorbei aber die Tage von Autokratie und Dikaktur, Willkommen der Demokratie. Soll sie endlich auch Einzug halten in der Sprachwelt. Heben wir auch die Hörerschaft in die Dritte! Die finale Distanz zwischen Sender und Empfänger läßt sich womöglich in ihrer Finalität überwinden. Der Sprecher zu sich in Distanz, zu den Hörenden ebenso, darin ergo dann wieder vereint. Man wechselt gemeinsam die Ebene. Also denn: Man hofft, mit diesem  Embolium die geneigte Leserschaft angemessen bereichert haben zu können. Man dankt ergeben für deren Aufmerksamkeit. Alles wird grün, verehrte Charismatiker.

Fotos: © 12frames – Fotolia.com und © AlienCat – Fotolia.com