Heut‘

Blick auf den Teich

Ist ein Tag für wintermüde Seelen:
Die Sonne lacht und Wolken fehlen.
Der Wind, er pustet frisch und frei,
Schaufelt uns Südenwarm herbei.

Und allerorten leuchtet’s gelblich,
Das  frische, feuchte Grün erfreut dich.
Da! Hör, der Chor der Vogelsänger,
Die Nacht wird kurz, die Tage länger.

Und jedes Jahr scheint wunderbar,
Ist erst der Frühling wieder da!
Jetzt  lass uns leben, lieben, lachen
Die ganz verrückten Dinge machen.

In’s Gras uns legen, den Himmel küssen,
Die Erde riechen, nichts tun müssen.
Nur schauen, wundern, fühlen, schmecken,
Die Welt, dich, mich, ganz neu entdecken.

Komm‘, lass uns sehen, wie alles dreht,
Wie’s Wunder wächst, wie’s blüht, vergeht,
Wie’s vorher aber tausendfach gesamet!
der Keim ruht tief, erdenumarmet.

Und in ihm steckt das ganze Leben,
Nicht sichtbar zwar, doch aber eben
Mit jener Kraft und dem Begehren,
Bald wieder wild sich zu vermehren.

Wenn Frühjahr ist und lau der Wind,
Wenn alle  Frühlingskinder sind.
Dann lass uns schaukeln, uns vergnügen,
Und wissen, Alles wird sich fügen.

Text und Foto: Werner Voßwinkel

Nikolaustag

Living in OWL Nikolaus

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Laßen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

Theodor Fontane (1819-1898)

Wolkenbildung

Wolkengebirge über Ostwestfalen-Lippe

Nimbus

Nun laßt auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hoch geballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! –
Der Erde tätig leidendes Geschick!
Doch mit dem Bilde hebet euren Blick.-
Die Rede geht herab, denn sie beschreibt;
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.

Johann Wolfgang von Goethe „Wolkenbildung“

Igelzärtlichkeit

© Eric Isselée - Fotolia.com

Versonnen blickt der Borstenigel,
ja fast bekümmert auf den Hügel.
Auf Hügel und ins weite Land,
wo er einst die Liebste fand.

Die aber ist seit siebzehn Stunden
ganz ohne Abschiedswort verschwunden.
Wo bist Du, Liebste? ruft er laut,
Wo bist Du, spitzbenaste Braut?

Du, deren Borsten Stachelpracht,
mich schier um den Verstand gebracht.
Du, deren holdes Tatzenpaar,
so zierlich wie kein zweites war.

Du, die Du derart reizend quiektest,
wenn Du von mir ein Küßchen kriegtest.
Oh, laß mich nicht länger harren,
sonst – aber hör‘ ich nicht ein Scharren?

Ein Schnaufen, das mir so vertraut?
So schnauft nur eine – meine Braut!
Ach Liebste, bist Du nicht ganz nah?
Und hell ertönt die Antwort: Ja!

Ich glaub, ich schlief ein wenig ein,
kannst Du mir noch einmal verzeih’n?
Und mild erfrischt der Abendwind,
zwei Igel, die sehr glücklich sind!

Robert Gernhardt

Ein Ostwestfale, Hamburg und Marzipankartoffeln

Ostwestfälische Marzipankartoffeln Sceenshot aus Nutriculinary

Hatte Stevan Paul, der mit NutriCulinary eines der besten Restaurant- und Kochblogs betreibt, neulich noch „unseren“ Wiglaf Droste am Wickel, hat es ihm jetzt ein anderer Ostwestfale angetan. Hartmut Pospiech. 1962 in Rahden, Ostwestfalen geboren. Soviel Zeit muß sein, um den etwas über 5 Kilometer „von Espelkamp nach Norden wech“ verorteten Mitmischer in der Hamburger Literaturszene richtig einzuordnen. Köstlich das kulinarische Gedicht „Marzipankartoffeln„, dem NutriCulinary Raum widmet. An Kochsternen ist OWL zwar bis auf das Paderborner „Balthasar“ von Elmar Simon ganz, ganz arm. Aber wir machen das wett mit einem Humor, der in der Republik seinesgleichen sucht. Wohl deshalb zitiert das Blog immer wieder „von hier wech“.

Blaue Hortensie

Keine Laune der Natur: Blaue Hortensie

Das Thermometer zeigt an diesem herbstlichen Hochsommersonntagmorgen knapp über 15 Grad. Erwärmen wir uns zumindest innerlich an einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, von dem und seinem Bezug zu Ostwestfalen wir heute auch schreiben werden:

Blaue Hortensie 

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden,  die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; 
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden,  und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.