FAZ: „Die sicher ungewöhnlichsten Festspiele im Land“: Wege durch das Land auf Gut Böckel

Intendantin Dr. Brigitte Labs-Ehlert mit Hannelore Elsner

Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,
die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,
so haben sie ein Recht, in unserm Blick
sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.

Rainer Maria Rilke.
Paris 1908
„Requiem für Paula Modersohn-Becker“.

Hannelore Elsner bei „Wege durch das Land“ auf Gut Böckel

„Man nehme….“ ist der Werbespruch und das Geheimnis eines großen Nahrungsmittelkonzerns der Region Ostwestfalen-Lippe. Ungefähr so alt wie der Dichter Rainer Maria Rilke heute wäre, wäre er denn noch. Gestern Abend jedenfalls lebte der Verfasser der „Duineser Elegien“ auf („Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“. Die fünfte Elegie ist Rilkes westfälischer Freundin Herta Koenig, der Gutsherrin auf Gut Böckel gewidmet), als die großartige Hannelore Elsner aus dem Briefwechsel Rilkes mit der so früh verstorbenen Malerin Paula Modersohn-Becker vor ausverkauftem Kuhstall las. Die Linde draussen im Park, unter der der Dichter 1917 bei seinem spätsommerlichen Besuch auf Böckel bei Rödinghausen so gerne saß, Herta Koenig vorlas und tiefe Gespräche führte, rauschte leise, als die Intendantin und Mitschöpferin des Kultur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ (Frankfurter Allgemeine am 28. April: „Hoch lebe die Provinz!“: „Kennen Sie?  Nein? Eine Bildungslücke ist das nicht. Aber verpasst haben Sie etwas…..Schauplätze der vielleicht eigensinnigsten, sicher ungewöhnlichsten Festspiele im Land“) Dr. Brigitte Labs-Ehlert die immer noch attraktive und mädchenhaft zarte Hannelore Elsner begrüsste und eine Einführung in den zauberhaften Abend gab. Die von Film und Fernsehen bekannte Schauspielerin zog mit ihrer facettenreichen Stimme – trotz einer anfangs entschuldigend zugegebenen „leichten Indisposition der Stimme durch Heuschnupfen“ – alle in den Bann. Zeitweilig hätte man ob dieser Stimme eine Daunenfeder fallen hören, als sie aus den alten Briefen rezitierte. Das, genau das, ist der Zauber und Erfolg des Festivals „Wege durch das Land“:  Alte Texte, gelesen von bekannten Schauspielern, in Kontrast gesetzt zu heutigen Texten und Musik an Orten, die OWL nahezu einzigartig machen. Dr. Ernst Leffers, heutiger Gutsherr, der Gut Böckel wieder zu dem gemacht hat, was es einmal war: „Das ist schön. Heute sind auch wir Gast und stellen gerne eine schöne Kulisse mit historischem Hintergrund“. In der Tat. Ein wenig britisches  „Glyndebourne“ umwehte Gutsgebäude und Park, als die Pause rief:

Pausenpicknick im Park 1
Picknick auf der Gutstreppe 2
Pcknick an einer Gräfte
Rilkes Spuren auf Gut Böckel folgen

Bevor wir in den zweiten Teil – eine Art Kontrastprogramm mit dem schelmischen Dominique Horwitz, dem Trio di Clarone, Michael Riesler und Jean-Louis Matinier – schreiten, noch ein Hinweis auf die 2011 bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Autobiographie „Im Überschwang“ von Hannelore Elsner, die sie in der Pause signierte:

„Und ich bin nicht routiniert. Wenn ich routiniert wäre, dann wäre ich tot“

Szenenwechsel im Kuhstall. Schelmisch, lockend-ausdrucksstark und manchmal einfach schrill-laut (aufwühlend?) dann nach der Pause Schauspieler Dominique Horwitz mit berühmten Gedichten von Rilke und musikalischer Begleitung durch das Trio di Clarone (Sabine Meyer, Wolfgang Meyer, Reiner Wehle), Michael Riessler und Jean-Louis Matinier. Im Januar 2012 debütierte Dominique Horwitz als Opernregisseur am Theater Erfurt mit Webers „Freischütz“.  Auch auf Böckel gelang der Auftritt rundum. Hier der Moment vor dem Einstieg:

Kurz vor dem Auftritt: Horwitz mit zwei Dritteln des Trio Clarone

Klarinette, Baßklarinette, Akkordeon. Die Instrumente sind so außergewöhnlich für die Musik von Satie, Bach, Pergolesi, Messiaen, Domenico wie klanglich anders als gewohnt gehört. „Die andere Seite der Luft“ heisst diese für das Klassik-geschulte Gehör ungewöhnliche Gesamtkomposition (Ja, sagt man so?) von Stefan Drees.  Nicht süßlich-mozartisch sondern durchaus auch einmal kontrapunktiv zu den Rilke-Gedichten, die sich durch  Dominique Horwitz´sehr wandlungsfähige Stimme so ganz anders anhören als im Deutschunterricht der damaligen Oberprima.

Von links: Trio di Clarone, Horwitz,Riesler, Martinier

Schließen Sie nun die Augen. Stellen Sie sich drei Klarinetten vor, eine Baßklarinette und ein leise zirpsendes Akkordeon. Dazu die Stimmung im Jardin des Plantes in Paris 1907. Dominique Horwitz rezitiert Rilke:

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Grandiose Soli: Sabine Meyer (Klarinette), D. Horwitz

Es war die vierte Station von „Wege durch das Land“. Annika Bochnig vom Detmolder Literaturbüro, zu diesem hervorragend organisierten Event befragt, lächelte: „Wir waren sehr zufrieden mit den drei Eröffungsveranstaltungen auf den Schlössern Corvey, Vinsebeck und Detmold und werden das wohl im nächsten Jahr wieder so machen“.  Das, was wir jetzt hier so einfach schreiben, wird wohl auch für 2013 das Startsignal zum Ausverkauf der Veranstaltungen gewesen sein. Zu sehr faszinieren die Schauplätze und die Künstler, die Rosemarie Fendels, Corinna Harfouchs, Fritzi Haberlandts, Ulla Hahns, Eva Mattes und die anderen großen Namen aus Schauspiel und Musik. Am 27. Mai freuen wir uns auf Gut Geissel und Matthias Brandt. Die Stationen dazwischen werden wir ankündigen. Aber: Die Wartelisten auf Karten sind lang.

Unterstützt wurde die Veranstaltung auf Gut Böckel übrigens von Hettich International, Kirchlengern.

„Das Alltägliche in den Rang des Schönen heben“. Auf Schloß Corvey beginnen die „Wege durch das Land“

Andrzej Stasiuk

Wer sich dem schnöden Irrtum hingibt, das heute Abend auf Schloß Corvey bei Höxter beginnende 13. Literatur & Musik fest in Ostwestfalen-Lippe „Wege durch das Land“ sei lediglich eine Feier von mehr oder minder prominenten Künst- lern auf 28 zugegebenermassen optisch wie historisch einmaligen Schauplätzen, wird schon mit der Eröffnungsrede des wichtigsten jüngeren Gegenwartsautors Polens, Andrejz Stasiuk, von einer Aktualität sondergleichen überrascht: „Diejenigen, die am dringendsten europäische Großzügigkeit erfahren müßten, werden sie als Letzte be- kommen. Offenbar muß etwas Nicht-Europa sein, damit etwas anderes Europa sein kann“.  Die künstlerische Leiterin des Festivals, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und ihr Team, deren Planungen naturgemäß weit zurückreichen, mussten ein Gespür dafür haben, was sich derzeit in Europa abspielt. Mit Schloß Corvey bei Höxter wählten sie einen Ort, der so oft in der Geschichte im Brennpunkt italienisch-französisch-polnisch-deutscher Ver- wirrungen, Verknotungen und Politik stand. „Heute sind es die Stimmen der Dichter, die das menschliche Maß im Miteinander der europäischen Völker einfordern“, sagt das Begleitheft zum Festival. Und die große alte Dame der deutschen Theater- und Film- schauspielkunst, die wundervolle Rosemarie Fendel, wird diesen Stimmen mit ihrer eigenen unverwechselbaren Stimme  und Gedichten einer polnischen Nobelpreisträgerin Gehör verschaffen. Wenn sich Dr. Brigitte Labs-Ehlert dann ein wenig zurücklehnt und der Bachschen Musik der „Akademie für alte Musik, Berlin“ lauscht, wird sie sicher daran denken: „…bis hierhin geschafft“. Ob sie in der ihr eigenen Bescheidenheit noch einmal Revue passieren läßt, als im April diesen Jahres die westfälisch-lippische Kulturkonferenz in der Ravensberger Spinnerei zu Bielefeld das Festival „Wege durch das Land“ als ein herausragendes Beispiel der geplanten „Kulturvision Westfalen-Lippe“ feierte?

Künsterische Leiterin von „Wege durch das Land“: Dr. Brigitte Labs-Ehlert Bild. Literaturbüro

Das Kino im ostwestfälisch-lippischen Kopf ist angeknipst. Der „Gang zu den Bildern im Kopf“ beginnt. Von nun an geht es Schlag auf Schlag. Morgen Schloß Vinsebeck, am Sonn- tag dann Schloß Detmold mit jener Schauspielerin, die erst kürzlich in einem ARD- Tatort eine Grimmepreis-verdächtige Rolle spielte: Corinna Harfouch. Am Donnerstag  Gut Böckel mit Hannelore Elsner und Dominique Horwitz. (Ausverkauft!)

Rhododendrenblüte im Park von Gut Böckel

„Die Briefe und Gedichte zwischen Rilke und Paula Modersohn-Becker liegen schon bereit“, hat Gutsherr Dr. Ernst Leffers aus dem romantischen Flecken bei Rödinghausen verlauten lassen. Man werde „den Spagat zwischen historischem Kuhstall und Rilke-Turm wie immer vorbildlich absolvieren“. Keine Frage. Schließlich wacht Kabakovs „Meet the Angel“ im Park mit den Rhododendrenfluten.

Karten und Informationen: www.wege-durch-das-land.de