Rat vom Rad parat

Irgendetwas in meinem Hinterrad knackt bei jeder Umdrehung und meine Kette verlangt nach etwas Schmierung. Vor weniger als einer Minute ist hinter mir die Haustür ins Schloss gefallen, die frische Morgenluft streicht kühl mir die letzte Müdigkeit aus den Wangen und ein einzelner Sonnenstrahl überlegt mit mir gemeinsam, ob er heute der einzige bleiben wird oder als Vorbote wärmende Geschwister nach sich zieht. Wenn ich jetzt ordentlich in die Pedalen trete, werde ich pünktlich im Vortragssaal meines heutigen Kunden eintreffen. Ein spannendes Seminar mit interessanten Teilnehmern wartet auf mich und meine Dozentur.

Da verdunkelt sich plötzlich an einer engen Kreuzung mein gesamtes Gesichtsfeld, der einzelne Sonnenstrahl wird abgeschnitten und ich muss rasch den imaginären Anker werfen, um eine Kollision zu vermeiden. Dies gelingt und durch das Unerwartete bin ich nun endgültig wach. Während sich der Qualm meiner vollgebremsten Räder wie Bodennebel verweht, starre ich aufrecht stehend direkt ins grobstollige Profil eines Autoreifens. Doch ein Auto kann dies kaum sein, seine Räder haben den Umfang meiner Reifen, sind dabei jedoch so breit wie anderthalb Gullideckel. Eine üppig verchromte Festung der Mobilität steht vor mir wie eine solide Wand, ich komme mir vor wie der kleine Würstchenverkäufer an jener Straßenkreuzung in Tokyo, der ungläubig auf den tektonischen Oberschenkel von Godzilla blickt. Aus einem der vorderen seitlichen Geschützfenster dieses Kolosses aus schwerem schwäbischen Stahl in Effektlack Schwarz blickt einer dieser eloquenten Erfolgsmänner, Modell Immobilienmakler oder selbstständiger Versicherungsvertreter, schmal beschlipst wie Markus Lanz auf mich herab und hebt entschuldigend die Hände wie der Papst beim abschließenden Segen. Sein Gesichtsausdruck nimmt eine demonstrativ erschreckte Mimik ein, um mir durch das geräuschschluckende Doppelglas sein Schuldeingeständnis pantomimisch zu signalisieren.

Ja, er weiß, dass er mir gerade ruppig die Vorfahrt nahm, doch der Pilot eines Airbus nimmt aus seiner Sitzposition im Cockpit den kleinen Arbeiter auf der Rollbahn auch nicht unbedingt zeitnah wahr, das verstehe ich. Es ist zudem an dieser Stelle der Stadt beileibe nicht mein erstes Erlebnis dieser Art. Es scheint ihm ernst mit seinem Bedauern und ich verzeihe ihm nachsichtig. In dieser schmalen, kurzen Straße ist an jedem werktäglichen Morgen ein unglaublicher Stau, Stoßfänger an Stoßfänger stehen die Fahrzeuge chaotisch dicht an dicht, kreuz und quer, eingekeilt und beinahe ineinander verhakt auf Bordsteinen, Rand- wie Seitenstreifen, in Rabatten, schräg über weißen Begrenzungslinien, auf Entschleunigungs-Schwellern. Dies ist hier beileibe keine wuchtige Durchgangsstraße, kein IKEA offeriert einen obskuren schwedischen Feiertag, keine Zapfsäule bietet durch einen Fehler an der Preistafel den Sprit extrem billig an, kein Media Markt verscherbelt die neue Spielkonsole um hundert Euro rabattiert von der Europalette, kein Festzelt wartet mit Freibier auf. Das Einzige von Belang in diesem Seitenarm ist eine Grundschule, zu der sie alle um diese Zeit mit hektisch roten Gesichtern drängen, um ihren Nachwuchs automobil auf den letzten Drücker vor die Kreidetafeln zu befördern.

Aus dem hinteren Turmzimmer dieses beeindruckenden SUV vor mir in seinen so grotesken Abmessungen, dass er eine eigne Postleitzahl haben müsste, wird jetzt eine Strickleiter geworfen, über die sich eine zierliche Viertklässlerin anschickt, hinab auf den Asphalt zu klettern. Ein beidseitig bezopftes Mädchen, dessen Kleidung mich latent an einen Rennfahrer erinnert, denn wie dessen Overall sind wenig Textilstücke an der Schülerin nicht mit einem Label versehen, hüpft nun, dem Vater winkend, die letzten Meter bis zum Schulportal auf eigenen Beinen. Dem Ausdruck des bewunkenen Erziehungverpflichteten sehe ich an, wie gern er auf einer stabilen Rampe am Schulgebäude sein Mädchen direkt an ihren Platz im Klassenzimmer chauffiert hätte. Nun gestikuliert er aus der riesigen Frontscheibe seines eingekeilten Trumms seiner Kleinen, welche ich inzwischen im Gedenken an ein Lied von Malediva still Saskia taufte, seinen Befehl, sie möge ihre Kapuze aufsetzen, die mit einer riesigen Tatze in Komplementärfarbe bestickt ist. Es begann nämlich von oben ein wenig zu tröpfeln, doch Saskia sieht ihres Vaters Bemühungen nicht, begrüßt stattdessen die Regentropfen mit vergnügt neugierigen Augen himmelwärts und geöffnetem Mund. In diesen beneidenswert jungen Jahren wissen kleine Menschen einfach noch nichts von der extremen Gefahr des Regens, haben keinerlei Ahnung von drohender Krankheit, Siechtum, Tod, die jeder Schauer nach Elternwissen unausweichlich für Kinder bereithält, daher lieben die Kleinen den Regen noch naiv angstfrei. Saskia entschwindet konsequent mit unbedecktem Haupt aus dem Sichtfeld, sie hat andere Kinder getroffen und läuft mit ihnen lachend durchs Schultor, ihrer ersten elternlosen Lehrstunde des Tages entgegen. Der Vater bleibt allein hinter seinen citytauglichen 380 Pferdestärken zurück und seine waidwunden Augen erinnern mich an diese oft bemühte Zeile aus Filmen, in denen der angeschossene Protagonist mit gebrochener Stimme traditionell zu röcheln hat: „Geht ohne mich weiter, Ihr treuen Gefährten, allein könnt ihr es schaffen…“.

Ich nehme wieder Fahrt auf, kurve erfahren zwischen diesen vielen Blechmonumenten herum, denn für mich wird es nun wirklich höchste Zeit. Etwas Fahrtzeit habe ich noch zu absolvieren und die verbringe ich wie immer am liebsten mit Denken. Jetzt an diesem Morgen wabert diese eben erlebte Szenerie weiter durch meinen Kopf, die Bilder dieses allmorgendlichen Staus fließen durch meine Windungen, das kleine Mädchen begleitet mich auf meinem Gedankengang auf dem Sattel. All diese gestressten Erwachsenen, die sich hier abgehetzt kaum noch um spezielle Regeln des Verkehrs und den allgemeinen der Rücksichtnahme scheren, all diese eskortierten Kinder, denen kein Schritt mehr ohne ihre Erzeuger vergönnt scheint. Wann haben Eltern eigentlich begonnen, Dauerleibwächter ihrer Lendenprodukte glauben sein zu müssen? Lückenlose Betreuung, von der Grundschule morgens, über Cellounterricht und Nachhilfe bis zum Handballspiel, werden sie an jede erdenkliche Tür kutschiert wie kleine Greise, keine Kinder ohne Erwachsene.

Bin ich zu streng mit meiner Altersklasse, zu klischeehaft in meiner Wahrnehmung gar? Wie war das denn damals bei mir, in meiner Kindheit? Sepiagefärbte Erinnerungen entstehen. Mein Schulweg war lang, ich lebte recht weit von meinem Bildungshaus entfernt, die Strecke betrug gute vierzig Fußminuten. Diese Route begann ich allein, an jedem Tag. Kein Auto brachte mich, kein Bus fuhr dort. Ich lief für mich, bekam sämtliche Jahreszeiten direkt mit, auf meiner Haut, in Augen und Ohren, ungefiltert. Am Morgen und am Nachmittag. Im Sommer war es morgens hell, im Winter noch dunkel. Ich war der erste, der seine Schritte in über Nacht frisch gefallenen Schnee knirschend presste, erhielt ein frisches Milchbrötchen an der Hintertür der Bäckerei, nicht vorn an der Ladentheke wie gewöhnliche Sterbliche, sondern ohne Worte in der mehlstaubigen Backstube aus der puderweißen, kraftstrotzend dicken Hand des müden Altgesellen, ein ungeheures Privileg. Kauend hielt ich dann entlang des Weges Augen und Ohren auf, um kein mögliches Abenteuer zu versäumen. Eine smartphonige Mobilette war allenfalls im Raumschiff Enterprise etabliert, in unserer Welt der Achtziger gleichwohl nicht einmal erfunden. Unterhaltung hatte man selbst kreativ entstehen zu lassen, meine Sinne blieben also erwartungsfroh eingestellt auf alles um mich. Erst recht auf meine Freunde. Einen nach dem anderen sammelte ich unterwegs ein, sie warteten teilweise schon an ihren Haus- und Gartentüren oder ließen sich herausklingeln. Nach der letzten Schulglocke lieferte ich sie in umgekehrter Reihenfolge alle wieder ab, früher oder später, je nach Ablenkungslage. Diese Zeit morgens und dieselbe Zeit am Nachmittag gehörten uns allein. Freie, wilde, anarche Zeit, kein einziger Erwachsener dabei. Wir waren frei und begierig auf jeden Blödsinn, jede Mutprobe, jedes kleine Stück Strandgut, das eine Geschichte zu bergen verhieß. Ein quakender Frosch im Gebüsch, ein verwittertes Stück Holz, ein verstorbener Singvogel, ein am Bordstein abgestelltes, ausrangiertes Möbel. Wir haben gemeinsam guttural brüllend unsere Stimmen mittels Stadionliedern ausprobiert, gräßliches Zimtkaugummi miteinander geteilt, Klingelstreiche bei dem stumpfsinnigen Hausmeister im fleckigen Unterhemd gemacht, albern anstößige Witze präsentiert, Rülpswettbewerbe ausgetragen, über Mädchen gerätselt, die uns zunehmend außerirdisch erschienen, unseren jeweiligen Platz in der Hierarchie erkämpft und verteidigt, miteinander gelacht und gestritten, uns verkloppt und gehänselt, mit einem dem naheliegenden Tennisplatz geklauten Ball gekickt, uns verschwörerisch über am Vorabend geheim angeschaute Filme des Spätprogramms ausgetauscht und über unsere törichten Eltern amüsiert, die uns hundertjährig entrückt vorkamen. All dies kam mir jetzt, mehrere Jahrzehnte später selbst hundertjährig entrückt, auf meinem aktuellen Weg wieder in den Sinn. Noch immer mag ich meine wiederkehrenden, werktäglichen Strecken, noch immer bin ich dankbar für die abseitigen Geschichten des Wegesrandes, kindlich gespannt offen für die Veränderungen meiner Stadt, die ich ungefiltert und in einzelnen Teilschritten ihrer Metamorphosen wahrnehme.

Zwischen Saskia und der verheißungsvollen Welt am Morgen ist stets getöntes Sicherheitsglas, an ihrer Seite mindestens ein Prätorianer, der es gut mit ihr meint. Doch ist das Gute immer gut, wird mit dem Behüten nicht auch Erfahrung verhütet? Habe ich als Kind einst jede Minute genossen? Nein, gewiss nicht, die Jahreszeiten hielten nicht nur Angenehmes bereit. Durchweicht vom Regen in Mathe angekommen und den Tag in klammen Jeans gelernt, gebibbert im winterlich eisigen Sturm, der unbarmherzig seine kleinen Eisnadeln in die Haut stach, nach Schulschluss erschöpft durch die Mittagshitze geschlurft, die an den Tornister gebundenen Turnschuhe schlenkerten bei jedem Schritt in die Flanken. Saskias Temperaturklima ist gleichförmig, durchgängig auf dem selben Niveau, die ausgeklügelte Klimaanlage hält jegliche Unbill fern von ihr. Ich erinnere gut, wie sich Tränen aus einem blauen Auge anfühlen und die stumm tröstende Hand eines Freundes auf meiner Schulter, der mir anschließend mitfühlend meine verstreuten Sachen vom Bürgersteig zurück in die Tasche sortierte, während ich reflektierte, älteren Jugendlichen gegenüber vielleicht mal einen frechen Spruch auszulassen. Auf Saskias Rückbank sitzen keine anderen Kinder und sollte sie Geschwister haben, wird wohl jeder aufkeimende Streit unter ihnen sofort harsch unterbunden von der Kommandobank vor ihnen.

Früher war alles besser. Welch ein Unfug. Das Wenigste war früher besser, da redet man sich die Vergangenheit gern zunehmend schöner als sie war. Doch womöglich gibt es Fragmente, die es wert wären, am Leben gehalten zu werden. Mir sind heute wenig Wege zu weit mit dem Rad oder zu Fuß, ich genieße natürlich jede komfortable Autofahrt, bin aber innerlich unabhängig davon. Als Veteran des fußläufigen Schulweges bin ich gestählt und längst nicht mehr bange vor Entfernungen innerhalb der Stadt oder anstrengenden Wetterlagen. Ich lernte damals auf meinen Wegen so viel über menschliche Interaktion, über Verhalten in Gruppen, verfüge über ein waches Auge für kleine Details am Rande und kann immer improvisieren. Ich erfuhr recht gut, was ich gut kann und was gar nicht. Woher mag Saskia ihre Erfahrungen nehmen, für sich allein Situationen zu meistern, die sie arg fordern, ängstigen, deren autarke Handhabung sie aber stärken? Wartet man heute bis auf den letzten Kindheitstag, um dann das Netz wegzuziehen, auf den ersten großen Flügelschlag der eigenen Brut, um sie dann schlagartig ohne innere Inkubationszeit ins Leben zu entlassen? Sie beizeiten Schritt für Schritt frei zu geben, sie ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, macht sie facettenreicher, letztlich zu großen Menschen, zu facettenreichen Persönlichkeiten. Auch mit erworbenen Macken und geschlagenen Scharten gewiss, die sie aber mit Stolz tragen werden, äußere Abzeichen ihrer inneren Stärke. Sie werden sich einst gelassen selbst vertrauen, da sie sich in so vielen Momenten bewähren konnten. Zu schade, dass dieser Stau, in dem Saskias Vater vielleicht noch immer feststeckt, diese Zwangspause ihn wohl nicht die Chance des Überdenkens erkennen lässt. Vielleicht möchte Saskia viel lieber ohne ihn, dafür mit ihren Freundinnen ihre Welt erkunden, diese in Sonne, Schnee, Regen, Staub und Stress allmählich erobern. Gewiss, dies ließe seine Wichtigkeit als Vater ebenso schrumpfen wie seine Kontrolldichte und wie das mitunter schmerzen kann, weiß ich als Vater nur all zu gut. Das jedoch scheint mir ein angemessener Preis, seiner Tochter Freiraum und Freiheit, Zutrauen und Impulse, kleine Gefahren und herausfordernde Abenteuer zu lassen, die es für sie zu bestehen gilt. Er ersparte zudem sich und anderen Verkehrsteilnehmern diesen umfassend überflüssigen morgendlichen Stau vor der Schule. Und ich könnte frei durchradeln. Fühlt sich nicht verkehrt an.

Info: www.mikrakom.de / Kontakt: kontor@mikrakom.de

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