Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 2)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 2

Wer fleißig ist, bekommt auch was – Über die Neidgesellschaft

Ein veritables Erbe, ein Sechser im Lotto oder ein Stuhl bei Günther Jauch. Das sind sie, die drei Möglichkeiten, heute ohne Vermögen an Vermögen zu kommen. Moment, denken Sie jetzt, alle drei hängen vom Zufall ab (reiche Verwandten, Losglück, Allgemeinbildung), was ist denn mit einem Arbeitsleben voller Fleiß und Engagement, Lernen und Ehrgeiz? Damit sind wir im Thema unserer heutigen Folge.

In der ersten Folge dieser Reihe zeigte ich Ihnen aktuelle Situation und Zahl von Obdachlosen, Erwerbslosen, Niedriglöhnern auf, hier nun beleuchten wir die Situation der ganz normalen Arbeitnehmer und -innen. Vielleicht gehören sie ja zu jener Gruppe, denen es der Bundeskanzlerin zufolge heute so gut wie nie geht. Anlass zu dieser Annahme gäbe es ja genug, denn seit 2006 sind die Umsätze der Unternehmen hierzulande um 22,9% gewachsen, die Gewinne gar um 30,2%, da wird auch doch das Niveau der Löhne und Gehälter gleichermaßen angewachsen sein! Leider nein.

Ich höre an dieser Stelle während des Schreibens den langjährig erprobten Chor vielstimmig ihren liebsten Song „Neidgesellschaft!“ intonieren. Doch sind wir das wirklich, nur eine Neidgesellschaft? Die Antwort darauf liefert uns eine interessante Untersuchung, welche seit Jahrzehnten beinahe klandestin nicht nur die Entwicklung von Löhnen und Gehältern auswertet, sondern zudem die viel spannendere Proportionsspanne.

Was bedeutet das? In den Sechzigern betrug das Verhältnis zwischen dem am niedrigsten bezahlten Job in Unternehmen und dem am höchsten entlohnten Arbeitsplatz 1:30. Das bedeutet, der Ranghöchste im Ledersessel erhielt etwa 30mal so viel wie jener, welcher zum Beispiel das Lager aufräumt und sauber hält. Dieses Verhältnis empfanden die Menschen damals als angemessen, gönnten dem Chef sein Salär, erkannten sein Risiko, seine Verantwortung, seine Arbeitszeit unumwunden an. Seine schwere Limousine auf Firmenparkplatz 1 neideten sie ihm nicht, denn sie selbst vertrauten zu recht auf die Verheißung, zwar selbst nicht in massiven Wohlstand zu gelangen, wohl aber bis zum Renteneintritt ein bescheidenes Häuschen durch Abzahlung ihr eigen zu nennen, samstäglich ein kompaktes Fahrzeug in der Einfahrt zu polieren sowie im Sommer die Italiener in deren Küstenstreifen zu besuchen. Deutschland befand sich im Lot.

Diese Proportion jedoch hat sich als Schere entwickelt, deren Spitzen grotesk weit auseinander liegen: Heute liegt diese Proportion bei 1:400! Selbst zwischen mittleren Angestellten und der obersten Führungsebene klafft das Verhältnis von 1:93. Neidgesellschaft? Sind die Arbeiter und Angestellten also in ihrer Leistung in wenigen Jahrzehnten derart extrem abgesunken, Vorstände in ihrem Wirken gleichzeitig rasant besser geworden? Der Anstieg der deutschen Produktivität von 24% seit 1996 spricht eine andere Sprache.

Diese permanente Neidunterstellung ist grober Unfug, eine abgenutzte Keule, um jeden Diskurs darüber pseudomoralisch zu zertrümmern, was jederart Leistung wert sein muss. Dieses Spiel ist durch mühlenhafte Wiederholung von so nachhaltiger Wirkung, dass nicht selten selbst ihre Verlierer es inzwischen für ein Naturgesetz halten. Erst, wenn balltretendes Personal für über 200 Millionen pro Trikotträger verschachert wird, kommen sie ins Grübeln, ob alles noch in der richtigen Spur läuft.

Nein, vielmehr als Neid erkennen wir die sehr realistische Wahrnehmung von nicht mehr gegebener Verhältnismäßigkeit. Die Friseurinnen, die Erzieherinnen, die Berufskraft- und Kurierfahrer, die Arzthelferinnen, die Verkäuferinnen, Call Center Mitarbeiter, die Krankenschwestern, die Pflegekräfte – alle faul, deshalb zu recht schmal bezahlt und nur von Neid durchdrungen? Schauen wir uns letztgenannte Gruppe exemplarisch genauer an. Im Bundesschnitt erhält eine Pflegekraft im Jahr 20.600,— Euro brutto. Nehmen wir beispielhaft an, sie ist 30 Jahre alt, bewohnt in NRW eine Wohnung von 60qm. Was ihr nach Abzug von Steuern und Miete letztlich netto bleibt, sind pro Tag 21,35 Euro. Davon bezahlt sie Nahrung, Kleidung, Versicherungen, GEZ, Urlaub, Bildung sowie eine überschaubare Freizeitgestaltung. Viel Kultur dürfte da nicht enthalten sein. Was glauben Sie, legt sie parallel für ihr Alter zurück? Eben, wovon? Den Traum vom Eigenheim sowie bescheidenem Wohlstand irgendwann (vgl. oben, Gesellschaftsvertrag 60er Jahre), hat sie wie ihre vielen KollegInnen der eigenen und anderer Branchen längst eingemottet. Sollte diese Altenpflegerin denn tatsächlich neidisch sein, dann wohl kaum zu unrecht. Ja, es ist wahr, auch ihr Nominallohn wurde wie sehr viele andere angehoben in den zurückliegenden Jahren, was aber nur die eine Seite der Medaille darstellt. Auf der anderen steht ihr Reallohn. Er sank hierzulande seit 1980 um 15%, die Kaufkraft der Normalarbeitnehmer erodiert schleichend. In unseren europäischen Nachbarländern stiegen parallel die Reallöhne. Dass Deutschland dafür einer der Exportweltmeister ist und die schwarze Null im Bundeshaushalt zum beinahe biblischen Mantra erhob, davon hat die Altenpflegerin in der Abendschlange der Supermarktkasse ebenso herzlich wenig wie die Person, welche vor ihr die Produkte über den Scanner peitscht.

Die Neuverschuldung des Bundes auf Null zu drücken, ist zweifelsohne richtig, doch sich das dafür nötige Geld von Krankenschwestern und LKW-Fahrern zu holen, kann kaum zielführend sein. Während zum Beispiel Umsätze aus Börsengeschäften noch immer steuerfrei verbleiben, wird bei Arbeitnehmern bereits ab 54.000 Jahreseinkommen (dem 1,5 fachen des deutschen Durchschnittseinkommens) mit dem Höchstsatz von 42% zugeschlagen. Wie Arbeit belastet und Vermögen sowie leistungsloses Einkommen geschont wird, soll jedoch die nächste Folge dieser Reihe ans Licht zerren.

Dass dieses Land dennoch finanziell auf die Konsumfreude seiner inflationär unwürdig bezahlten Arbeitnehmer bauen konnte, hat einen längst überdeutlichen Preis – ein Großteil der Deutschen lebt auf Pump. Enorm viele Haushalte sind verschuldet, jedes fünfte private Girokonto befindet sich im Schnitt mit 1.500 Euro im Dispositionskredit, also satt im Minus. Bis zu soliden 15,32% Überziehungszinsen schnüren die Schuldner auch perspektivisch verlässlich ein im Korsett ihrer Verschuldung. 6,85 Millionen Bundesbürger sind sogar überschuldet, der Abtrag ihrer Schulden darf als wenig wahrscheinlich betrachtet werden. Der durchschnittliche Grad ihrer Verschuldung hat die Marke von 36.000 Euro pro Kopf erklommen – wie oben als Beispiel benannte Altenpflegerin von einem solchen Gipfel wieder heruntersteigen soll, ist ungewiß. Durch noch höhere persönliche Arbeitsleistung wohl nicht. Ihr bleibt die 2013 geschaffene Privatinsolvenz, allein in den vergangenen Jahren mussten über 100.000 Bundesbürger deren steinigen Weg beschreiten.

Die gesamte private Schuldsumme liegt derzeit bei unglaublichen 246 Mrd. Euro, 11% davon halten Inkassobüros, die modernen Kriegsgewinnler. Die erforschten Hauptgründe für private Überschuldung liegen übrigens weit weniger im gern angenommenen Riesen-3D-Plasma-TV auf Raten, sondern erwiesenermaßen in Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Unfällen, Scheidungen, Suchtproblematiken, Tod des Partners sowie gescheiterten Selbstständigkeiten. Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass die Gruppe derer, welche am gesellschaftlichen Leben trotz gewissenhaft vollbrachter werktäglicher Arbeitsleistung teilhat, zügig schrumpft. Eine Aussicht auf Besserung verspricht ihr glaubhaft konkret kaum ein Konzept aus Berlin, der aktuelle Wahlkampf interessiert sich nicht sonderlich für sie.

Ein Leben unter dieser Trias an Dauerbelastung (viel Arbeit für wenig Nettoeinkommen, steigende Ausgaben, Schuldenlast) verbleibt nicht ohne Konsequenzen, welche dann auch für unsere gesamte Gesellschaft längst sichtbar sind bzw. sein sollten. Die Behandlungskosten für arbeitsbedingte psychische Belastungsstörungen ist seit 2002 auf schmerzhafte 34 Mrd. Euro im Jahr gestiegen. Die Tendenz für die nahe Zukunft zeigt steil in den Himmel, die professionellen Behandler können sich der Flut kaum noch entgegen stemmen, 21 Wochen vergehen heute bis zum ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient. Sehr lang wird unser Gesundheitssystem dies nicht mehr kompensieren, die Unternehmer dies nicht länger ignorieren können. Pro 100 Sozialversicherte schlagen jährlich 257 Ausfalltage zu Buche, was dadurch bereits 17% des Fernbleibens vom Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründe ausmacht. Die Arbeitgeber kosteten diese Ausfälle 71 Mrd. Euro im abgelaufenen Jahr.

Doch nicht nur überbordende Arbeitsbelastung macht krank, sondern auch das völlige Fehlen derselben. Denn auch die Erwerbslosigkeit zieht gesundheitliche Folgen nach sich, nach 10-12 Monaten als Kunde der Agentur für Arbeit entwickeln 43% seelische Problematiken aus, was Energie und Motivation zur Jobsuche erheblich torpediert. Struktur-Maßnahmen des Jobcenters wie der Bau von Vogelhäuschen, das Zerkleinern von Teppichresten oder das Rasieren von Pfirsichen (alles leider kein Scherz) sind hier nicht unbedingt die effizientesten Reha-Maßnahmen.

Der Anteil der sogenannten „Working Poor“ hat sich zwischen 2004 und 2014 auf annähernd 10% der arbeitenden Bevölkerung mehr als verdoppelt, die Gruppe der Einkommensmillionäre stieg seit 2003 um 83%.

Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an; Und der Arme sagte bleich „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“, so schrieb es Berthold Brecht 1934 in einem Gedicht. Ich wünschte mir, wir würden heute ungläubig zurückblicken auf jene Zeit und erleichtert aufatmen, weil dieses Verhältnis im Jahr 2017 beendet ist. Ist es nicht. Im Gegenteil, die Schere spreizt sich immer weiter und weiter, das Schneidwerkzeug einfach nach unten in die wohlfeile Neidschublade zu legen, läßt sie unsichtbar sein, jedoch nicht inexistent. Dort unten zerschneidet diese Schere allmählich das Band, welches unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Erben, Lottogewinner und Jauch-Gäste werden daran nichts ändern.

Nächste Folge (3): Das scheue Reh des Kapitals.

Wer Michael Krakow einmal live erleben möchte, dem sei sein Vortrag zu diesem Thema am 5. September 2017 in Detmold ans Herz gelegt.

Ein Kommentar zu „Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 2)

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