Eine Ode an meinen Trumm / Fanta ohne Fun-Faktor

Text von Michael Krakow

Kann man so etwas wie Zuneigung empfinden zu einem kalten Gegenstand? Besitzern von Elektronikgeräten mit angebissenem Apfel auf der Rückseite, Rostschleifern von alten Käfern sowie Hüterinnen von Fabergé-Eiern stellt sich diese Frage vermutlich nicht, sie haben es längst verinnerlicht.

bottle of fresh lemonade

Nun hat es auch mich erwischt, des Amors Pfeil zittert im Ziel. Doch während Wisch-Tabletten, Buckelautos und Kunsteiern noch etwas Ästhetisches anhaftet, werden meine Gefühle von etwas ungleich wuchtigerem entflammt. Der kalte Gegenstand, welcher mein Herz regelmäßig erwärmt, ist wortwörtlich von kaltem Wesen, denn genau das ist seine Aufgabe. Wie läßt er sich beschreiben? Ein „Trumm“ ist laut Duden die Bezeichnung für ein Ungetüm, ein Brocken, eine in Präsenz und Ausdehnung imposante Erscheinung. Und exakt dieses herrlich lautmalerische Wort fiel mir ein, als ich das erste Mal vor ihm stand. Mein Durst hatte mich zu ihm getrieben. In einem fremden Gebäude wies man mir den Weg zur Erlösung, was eben seine Mission darstellt. Denn er ist ein Getränkeautomat. Was sage ich, der Ur-Vater aller Getränkeautomaten! In einem halbdunklen Seitenflur hatte man ihn platziert, vermutlich schon vor einer Ewigkeit. Einen Kopf größer als ich, sicher drei mal so breit und auch tief. Er brummt und summt rund um die Uhr, um jene zu kühlen, die man ihm in den kubischen Bauch implantiert. Myriarden von Flaschen muß er schon die Temperatur arktisch heruntergeregelt haben in den Tiefen seiner massiv beherbergenden Fassade. Ein treuer Soldat am Wolgastrand, der nicht infrage stellt, was ihm einst aufgetragen.

Was ist es nun, das dieses Gerät so anders für mich macht? Wie aus der Zeit gefallen ragt dieser Monolith vor mir auf, er wirkt tonnenschwer. Ich muß davon ausgehen, dass man ihn hier an dieser Stelle zusammengeschmiedet hat, denn in seiner finalen Gestalt ist er so immobil wie eine Felsformation. Mit all diesen modernen, filigran dünnhäutigen Automaten, die heut allerorten mit gewagten Kurven, aufdringlichem Gepränge und der nagelneuesten Technik gleißnerisch auftrumpfen, hat dieser Veteran so gar nichts gemein. Wie ein aufgerichteter Riesenschuhkarton erhebt er gar nicht erst den Anspruch auf so etwas wie Design, Features oder Marktpräsenz. Das Verhältnis von Neu zu Alt bei Automaten gemahnt hier an das ungleiche Paar Wall-E und EVA aus dem bekannten Animationsfilm erheblich jüngerer Tage. Die Oberfläche aus Grauguß widersteht Attacken gleichwelcher Art. Ein Safe wirkte filigran in seiner Nähe. Dieser Typus verrichtet diskursfrei seinen klar benannten Auftrag, nicht mehr, nicht weniger. Zuverlässig und unbeirrt seit Ölkrise, Watergate und Guillaume-Affäre. „Was immer auch geschieht bei Dir, ich stehe auf ewig hier und bin bereit für Dich, dürstender Wanderer“, scheint er im flackernden Schein der ähnlich alt wirkenden Neonröhre an der Decke kehlig zuzuraunen und fast würde es mich nicht wundern, schöbe er dabei eine Selbstgedrehte in seinen Münzschlitz. Ja, einen solchen hat er tatsächlich! Metallisch, stabil, vierfach verschraubt, die kleine Fläche daneben durch tausend Münzkanten abgeschabt, wie es die steinerne Tradition verlangt. Die Älteren werden sich erinnern. Keine EC-Karte findet Einlaß in diesem Zahlungsmittelalter, hier werden ausschließlich Münzen sanft eingeschoben. Und beileibe nicht alle – Nein, nur eine einzige Sorte ist es, die seine Akzeptanz findet. Immerhin schon Euro statt Mark, Taler oder Groschen, aber davon eben nur eine. Eine Flasche = Ein Euro = Ein Deal. Markant wie der Schluß zweier Arbeiterhände. Wenn Du wirklich Durst hast, besorge Dir gefälligst die passende Münze, Pilger, denn Wechselgeld gibt es hier nicht.

Verlangt es Dich zudem in der modernen Welt der millionen Möglichkeiten nach Energizern, Shots oder Smoothies, bleibt dies hier ein staubiger Pfad in die endlose Steppe. Mein Trumm, ja so nenne ich ihn mittlerweile nicht ohne Hingabe, bietet Limonade. Limonade. Nichts weiter. Fertig. Eiskalt und in schweren Flaschen, die ihre bauchige Form seit der Montan-Union innehaben. Never change a winnig team. Der Vorgang des Tausches Münze gegen Flüssigkeit darf mit Fug und Recht denn auch als Akt bezeichnet werden. Da wäre zunächst die Auswahl, welche keine ist, denn es gibt lediglich eine einzige Sorte, welche aber in einem Hauch von Großspurigkeit über sieben Tasten identisch angeboten wird. Die Bezeichnung „Taste“ ist korrekt, denn es gibt kein Touchpad oder ähnliche Sensorik, es sind Tasten. Aus dickem, transparenten Kunststoff, rechteckig und handtellergroß. Eine davon hat als erstes in einer Weise eingedrückt zu werden haben, die ein Gefühl von Arbeit vermittelt, denn die alten Gegendruckfedern sind straff wie und eh und je, wollen überwunden werden. Hier wird nicht softig gewischt, sondern physisch gedrückt.

Dies ist der erste physische Kontakt zwischen Kunde und Anbieter, der Trumm will spüren, wer von ihm die Herausgabe von Limonade verlangt – Mann oder Maus!? Als Reminiszenz an die Moderne ist jede Taste von hinten schwach beleuchtet. Ja, ganz recht vermutet, nicht durch eine Diode oder gar farblich kunstvoll changierende Rahmenlilluminierung, sondern durch ein tapferes kleines, gelblich schimmerndes Birnchen. So wie es sich gehört. Folgt man übrigens nicht exakt dem Ablauf der ab jetzt vorgegebenen Schritte, deren Studium kaum mehr möglich ist, da die Erklärtafel in Hüfthöhe verblichen ist, als Berti Vogts zu Mönchengladbach wechselte, bleibt die Kehle trocken. Varianz ist des Trumms Sache nicht, hier werden Regeln befolgt und nicht gespielt.

Nach dem Drücken der Taste ist der Zeitpunkt des Bezahlens, wie einst an den Fährmann ist der Taler nun zu entrichten. Wirft man ihn zu rasch in den beschriebenen Schlitz, so wird dies als Respektlosigkeit sogleich geahndet und der Trumm speit einem die Münze voller Verachtung einen Wimpernschlag danach aus seiner Verkleidung einfach ans Knie. Nochmal, Freundchen! Hier läßt sich Geduld, Demut und Sensibilität erlernen. Wird der Euro aber akzeptiert, so beginnt eine Musik voller Zauber. Man hört die Münze durch die Eingeweide kullern, rollen, sich heben und senken, Kurven fahren und Täler durchrinnen, Kanten keck touchieren, über Wellen klickernd tanzen, Pirouetten schwankend spiralieren. Dort drinnen muß sich eine Art kleine Achterbahn für Geldstücke befinden. Ich würde diese zu gern einmal sehen, doch das geht mich offenkundig nichts an, kein Menschenauge durfte je hinter die eiserne Platte blicken ohne sein Licht einzubüßen. Kein Zauberer verrät schließlich seine Tricks. Wie das Kaninchen aus dem Zylinder erwarte ich kindlich gebannt das Auftauchen meiner Flasche. Doch soweit ist es noch nicht. Die turbulente Fahrt der kleinen Münze mit der geprägten Eins dauert eine gewisse Zeit, das hält die Vorfreude spannend wie stabil. Tritt endlich Stille ein, so ist jener Moment gekommen, die bereits einmal gedrückte Taste ein weiteres Mal zu betätigen. Eine Art Prüfung des Meisters, ob der vor ihn getretene Adept auch konsequent in seiner Wahl geblieben ist. Innerlich kniet man an dieser Stelle vor dem Trumm, möchte seinen gestrengen Augen unbedingt gerecht werden, in gebotener Bescheidenheit das kostbare Nass empfangen. Nach einer weiteren Pause schließlich gibt er den Weg frei zum Ersehnten. Was eben den Weg des Euros geräuschtechnisch vergleichweise eher pittoresk beschrieb, findet nun seine Wiederholung in ganz anderem Klangvolumen. Die Flasche ist sehr schwer, der Weg arg weit und ähnlich kurvenreich. Es bollert, knallt, scheppert, dass es eine Art hat. Die gläserne Umhüllung samt schwappendem Inhalt scheint aus den Tiefen des Urals in einer Schubkarre über schroffe Gebirgsgpässe herangeschafft zu werden. Jede Bodenwelle kündet kraftvoll, dass die trübe Brause auf ihrem mühseligen Wege zu mir ist. Eine letzte Schanze noch und einem geburtlichen Vorgang nicht gänzlich unähnlich ist es vollbracht. Final wird die Limonade aus dem Trumm in einen stählernes Auffangbecken geschleudert, dass es an ein Wunder grenzt, dass beides dabei nicht sogleich zerschellt. Welch armer Tropf, der seine Hand unvorsichtig ungeduldig zuvor in diese Landewanne streckt. Das Trinken wird zweifelsohne mit der anderen Hand stattfinden müssen sowie nebenbei gemarterte Fingerknochen zu kühlen haben.

Doch geschafft, hurra! Der Trumm und ich sind wieder einmal die Zeremonie, unser wöchentliches Ritual liturgisch durchgegangen, haben es gemeinsam abermals ans Ziel geschafft. Ich proste ihm augenzwinkernd jovial zu wie einem Bergkameraden am Gipfelkreuz. Diese kühle Erfrischung habe ich mir verdient und er gönnt sie mir. Gern würde ich ihm bei Gelegenheit meine Kinder vorstellen. Ihm, diesen wunderbaren Relikt aus jenen Tagen, als Maschinen noch Maschinen waren und überdies Jahrzehnte einfach ohne anfälligen Mummenschanz funktionierten. Ich wünsche ihm noch ein langes Leben, kein anderes Gerät soll hier jemals stehen, dies ist seine Kaverne, soll es immerdar sein. In einer Stunde etwa kehre ich hierher zurück. Nicht für eine zweite Flasche, sondern um die dann leere andächtig zu ihm zurück zu tragen. Denn der Trumm hat eine Gefährtin, eine Trummin, direkt neben ihm. Was er gibt, nimmt sie. Ein DreamTeam – Gleiches Baujahr, gleiches Format, gleiche Grandezza. Kein Laser, kein EAN-Code, kein Display. Dafür richtig viel Charme und Stil. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Mein Traum? Die beiden Zwillinge rahmen in einer Behörde einen Paternoster ein. Ach, das hätte was…

 

Foto: © Andrey Ivanov – Fotolia.com

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